Priester. Das ist denn doch wohl nur Ihre Auslegung der christlichen Lehre. Diese Lehre selbst aber fußt durchaus auf der Gottheit und Auferstehung.
Nikolai. Das ist ja gerade das Schreckliche an den Kirchen. Eben dadurch säen sie Zwietracht, daß sie im Besitz der vollen, unzweifelhaften, unfehlbaren Wahrheit zu sein behaupten. »Uns und dem Heiligen Geist hat es gefallen« … Das begann schon bei der ersten Versammlung der Apostel. Seit der Zeit trat man mit der Behauptung auf, im Besitz der völligen, ausschließlichen Wahrheit zu sein. Wenn ich nämlich sage, es gibt einen Gott, einen Ursprung der Welt, werden alle mir beipflichten. Dieses Bekenntnis vereint uns. Wenn ich aber sage, es gibt einen Gott Brahma, oder einen Gott der Juden, oder eine Dreieinigkeit – so bewirkt eine solche Gottheit Zwietracht. Die Menschen trachten nach Vereinigung und gebrauchen, um sie herbeizuführen, alle möglichen Mittel. Vergessen aber das eine, Unzweifelhafte: Streben nach Wahrheit. In der Art, wie wenn Menschen, die in einem ungeheuren Gebäude, in das das Licht von oben in die Mitte fällt, sich vereinigen wollen, und nun in den Ecken sich versammeln, anstatt alle zusammen zum Licht zu wandeln, wo sie ohne viel Nachdenken vereint werden.
Priester. Wie kann man aber das Volk ohne ganz bestimmte – nun sagen wir: Wahrheiten leiten?
Nikolai. Das ist wieder das Schreckliche. Wir, jeder von uns muß selbst seine Seele retten, selbst Gottes Werk tun; statt dessen bemühen wir uns, andere zu retten und zu unterweisen. Und was bringen wir ihnen bei? Es ist fürchterlich, daran zu denken. Jetzt, am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, lehren wir, Gott hätte die Welt in sechs Tagen geschaffen, dann die Sintflut geschickt, alle Tiere in die Arche gesperrt, und alle Dummheiten und Garstigkeiten des Alten Testamentes. Dann, Christus habe geboten, alle mit Wasser zu taufen oder an den Unsinn und das Abscheuliche einer Erlösung zu glauben, ohne die niemand selig werden könne, und sei dann in den Himmel geflogen und säße dort, im Himmel, der nicht existiert, zur Rechten des Vaters. Wir haben uns an all diese Dinge gewöhnt, sie sind aber schrecklich. Ein frisches, für alles Gute und die Wahrheit empfängliches Kind fragt uns, was die Welt sei und welche Gesetze sie regierten? und anstatt ihm die überlieferte Lehre der Liebe und Wahrheit mitzuteilen, geben wir uns alle erdenkliche Mühe, den schrecklichsten Unsinn einzutrichtern. Das ist fürchterlich. Das ist das schlimmste Verbrechen, das es gibt. Und wir und Sie, samt Ihrer Kirche, begehen ununterbrochen dieses Verbrechen. Verzeihen Sie.
Priester. Ja, wenn man die christliche Lehre so, sagen wir: rationalistisch auffaßt, mag das der Fall sein.
Nikolai. Wie man sie auch auffaßt, es ist und bleibt so.
(Schweigen.)
Alexandra (tritt ein).
Sechzehnter Auftritt.
Die Vorigen. Alexandra Iwanowna.