Pjetuschkow: Ich verstehe, ich verstehe. Wo ist sie denn jetzt?
Fedja: Ich weiß es nicht. Und ich möchte es auch gar nicht wissen. Das gehörte alles einem andern Leben an. Und jenes Leben will ich nicht mit meinem jetzigen vermischen. (Man hört das Geschrei einer Frau an dem hinteren Tische. Der Wirt tritt heran; ein Schutzmann erscheint; die Frau wird abgeführt. Fedja und Pjetuschkow schauen hin, hören zu und schweigen.)
Pjetuschkow (nachdem es dort wieder ruhig geworden ist): Ja, Ihr Leben ist ein ganz wundersames gewesen.
Fedja: Nein, ein ganz gewöhnliches. Wir alle in der Lebenssphäre, in der ich geboren bin, haben zwischen drei Dingen die Wahl, nur zwischen dreien. Erstens, ein Amt zu bekleiden, Geld zu verdienen, den Schmutz, in dem wir leben, noch zu vergrößern; das war mir zuwider; vielleicht verstand ich es auch nicht; aber die Hauptsache war: es war mir zuwider. Zweitens, diesen Schmutz zu bekämpfen; dazu muß man ein Held sein, und ich bin kein Held. Oder drittens, sich selbst zu vergessen, zu trinken, zu bummeln, zu singen; und eben dies habe ich getan. Und nun ist das Lied ausgesungen. (Er trinkt.)
Pjetuschkow: Nun, und das Familienleben? Ich wäre glücklich, wenn ich eine Frau hätte. An meinem Unglück ist meine Frau schuld.
Fedja: Das Familienleben? Ja. Meine Frau war eine ideale Frau. Sie ist auch jetzt noch am Leben. Aber was soll ich Ihnen sagen? Es fehlten die kleinen Rosinen. Wissen Sie, die kleinen Rosinen im Kwas?[2] Es fehlte in unserm Leben das Element des heiteren Spieles. Und es war mir doch Bedürfnis, mich zu vergessen. Und ohne solches heiteres Spiel kann man sich nicht vergessen. Und da fing ich an, garstige Dinge zu tun. Sie wissen ja aber: wir lieben die Menschen wegen des Guten, das wir ihnen getan haben, und empfinden Abneigung gegen sie wegen des Bösen, das wir ihnen zugefügt haben. Und ich habe ihr viel Böses zugefügt. Sie schien mich zu lieben.
Pjetuschkow: Warum sagen Sie: „Sie schien”?
Fedja: Das sage ich, weil sie mir seelisch nie so nahe gestanden hat wie Mascha. Aber darum handelt es sich jetzt nicht. Sie war in andern Umständen, und dann nährte sie das Kind; ich aber trieb mich umher und kam betrunken nach Hause. Natürlich liebte ich sie eben deswegen immer weniger. Ja, ja. (Er gerät in Entzücken.) Da fährt mir eben ein Gedanke durch den Kopf: darum liebe ich Mascha, weil ich ihr Gutes getan habe und nicht Übles. Darum liebe ich sie. Jene aber habe ich gequält, und darum ... aber ich kann nicht sagen, daß ich Abneigung gegen sie empfände; nein ich liebe sie einfach nicht. Eifersüchtig bin ich gewesen, ja; aber auch das gehört der Vergangenheit an.
Zweiter Auftritt
Fedja, Pjetuschkow und Artemjew, welcher herantritt. (Er trägt eine Kokarde, einen alten, geflickten Anzug und hat einen gefärbten Schnurrbart.)