„Ich werde schon einen Platz finden,“ antwortete Nikita. „Ich muß nur erst das Pferd zudecken; ganz in Schweiß ist es geraten, das liebe Tier. Erlauben Sie mal,“ fügte er hinzu, und an den Schlitten herantretend, zog er den Sack unter Wasili Andrejitsch hervor. Er legte ihn doppelt zusammen, und nachdem er vorher den Umlaufriemen und das Rückenpolster abgenommen hatte, bedeckte er den Braungelben mit dem Sacke.
„So wirst du es doch ein bißchen wärmer haben, mein Dummerchen,“ sagte er und legte dem Pferde über den Sack wieder das Rückenpolster und den schweren Umlaufriemen auf.
Als Nikita mit dieser Arbeit fertig war, trat er wieder zum Schlitten. „Die Packleinwand werden Sie wohl nicht nötig haben?“ sagte er. „Und etwas Stroh können Sie mir auch geben.“
Und nachdem er das eine und das andere seinem Herrn unter dem Leibe weggezogen hatte, ging er hinter die Rücklehne des Schlittens, grub sich dort im Schnee eine Grube und legte das Stroh hinein. Dann zog er sich die Mütze tief ins Gesicht, wickelte sich fest in seinen Mantel, bedeckte sich darüber noch mit der Packleinwand, setzte sich auf das ausgebreitete Stroh und lehnte sich gegen das aus Bast verfertigte Hinterteil des Schlittens, das ihn gegen den Wind und den Schnee schützte.
Wasili Andrejitsch schüttelte mißbilligend den Kopf zu dem, was Nikita tat, wie er denn überhaupt gegen die Unbildung und Dummheit des niedrigen Volkes eine starke Verachtung hegte, und traf nun auch seinerseits seine Vorbereitungen für die Nacht.
Er breitete das übriggebliebene Stroh im Schlitten gleichmäßig aus, aber so, daß es da, wo er mit der Seite des Körpers darauf liegen wollte, etwas dichter war; darauf steckte er die Hände in die Ärmel und suchte sich mit dem Kopfe eine bequeme Lage in einer Ecke des Schlittens am Vorderteil, das ihm einen Schutz gegen den Wind gewährte. Zu schlafen beabsichtigte er nicht. Er lag da und dachte nach; er dachte immer nur an ein und dasselbe, was den einzigen Zweck und Inhalt, die Freude und den Stolz seines Lebens bildete: wieviel Geld er schon erworben habe und noch erwerben könne, und wieviel Geld andere Leute, die er kannte, erworben hätten und besäßen, und auf welche Weise diese anderen ihr Geld erworben hätten und immer noch mehr erwürben, und daß er, in derselben Weise wie sie, noch sehr viel Geld erwerben könne.
„Die Eichen werden gute Schlittenkufen geben. Selbstverständlich auch Balken. Und Brennholz mag wohl jede Dessätine noch dreißig Klafter liefern,“ so rechnete er, den Wert des Waldes abschätzend, den er im Herbst besichtigt hatte und jetzt zu kaufen beabsichtigte. „Aber zehntausend Rubel werde ich ihm doch nicht geben, sondern nur achttausend; und dann mache ich ihm noch einen Abzug für die Lichtungen. Den Feldmesser werde ich schmieren; hundert oder auch hundertfünfzig Rubel muß ich ihm wohl in den Rachen werfen, dann wird er mir schon so ein fünf Dessätinen Lichtungen herausmessen. Und für achttausend Rubel wird er mir den Wald schon lassen; dreitausend lege ich ihm gleich ohne weiteres bar hin. Da mache ich mir keine Sorge; er wird sich schon herumkriegen lassen,“ dachte er und fühlte mit dem Oberarm nach den Banknoten in der Brusttasche. „Und wie wir von der Wegscheide an uns haben verirren können, das mag der Himmel wissen. Hier müßte doch ein Wald sein und die Hütte des Waldwächters. Wenn doch ein Hund zu hören wäre. Aber gerade wenn's nötig ist, bellen die verdammten Köter nicht.“ Er öffnete ein wenig den Kragen, horchte hinaus und blickte umher. Zu sehen war in der Dunkelheit nur als schwarze Masse der Kopf des Braungelben und sein Rücken, auf dem der Sack hin und her wehte; zu hören war immer nur dasselbe Pfeifen des Windes, das Flattern und Knattern des Tuches an der Deichsel und der wie Peitschenhiebe klingende Ton des gegen die Bastwand des Schlittens getriebenen Schnees. Er mummte sich wieder ein. „Wenn man das gewußt hätte, wäre man ja lieber da über Nacht geblieben. Na, ganz egal, dann kommen wir eben morgen hin. Nur daß ich einen Tag verloren habe. Aber bei solchem Wetter werden die andern auch nicht hinfahren.“ Und nun fiel ihm ein, daß er am nächsten Tage vom Fleischer Geld für Hammel zu erhalten hatte. „Er wollte selbst kommen; nun wird er mich nicht zu Hause treffen, und meine Frau wird nicht verstehen, das Geld in Empfang zu nehmen; sie ist doch gar zu ungebildet. Auf die richtigen Umgangsformen versteht sie sich nicht,“ dachte er weiter, in Erinnerung daran, daß sie nicht verstanden hatte, sich dem Landkommissär gegenüber zu benehmen, der gestern zum Feiertage bei ihm zu Besuch gekommen war. „Es ist ja auch erklärlich; sie ist eben ein Frauenzimmer; wo hätte sie denn auch etwas gesehen und gelernt? Als meine Eltern noch lebten, wie sah damals unser jetziges Hauswesen aus? Alles hatte nur einen sehr geringen Zuschnitt; mein Vater war ja für einen Bauer wohlhabend, aber eben nur ein Bauer; eine Graupenmühle und eine Herberge, das war das ganze Vermögen. Und was habe ich in den fünfzehn Jahren daraus gemacht? Ich habe einen Laden, zwei Schenken, eine Mühle, eine Getreidehandlung. Zwei Güter habe ich in Pacht. Mein Haus und mein Speicher haben Blechdächer,“ sagte er sich mit Stolz. „Das ist jetzt eine andere Sache als zu Lebzeiten meines Vaters! Wer ist jetzt in der ganzen Gegend der angesehenste Mann? Brechunow!“
„Und woher kommt das? Weil ich alle meine Gedanken auf das Geschäft richte, weil ich mich anstrenge, weil ich es nicht so mache wie andre Leute, die faulenzen oder sich mit Dummheiten abgeben. Aber ich gönne mir oft nicht einmal in der Nacht den Schlaf. Und selbst wenn's schneit und stürmt, ich fahre doch. Na, da geht denn auch das Geschäft nach Wunsch. Die Leute denken, man könnte so spielend Geld erwerben. Nein, arbeiten muß man, sich den Kopf zerbrechen. Sie bilden sich ein, man könnte durch irgendwelchen Glücksfall in die Höhe kommen. Da, dieser Mironow, der ist jetzt Millionär. Und warum? Gearbeitet hat er, gearbeitet. Dann gibt's einem der liebe Gott. Wenn mich nur Gott gesund erhält.“ Und der Gedanke, daß auch er ein solcher Millionär werden könne wie Mironow, der mit nichts angefangen hatte, dieser Gedanke regte Wasili Andrejitsch so auf, daß er das Bedürfnis verspürte, mit jemand ein bißchen zu reden. Aber es war niemand da, mit dem er hätte reden können. Wäre er nur nach Gorjatschkino hingekommen, dann hätte er mit dem Gutsbesitzer sprechen und dem ein Licht darüber aufstecken können, was er, Brechunow, für ein ausgezeichneter Mensch sei.
„Nun sieh mal an, wie das bläst! Wir werden noch so einschneien, daß wir uns am Morgen gar nicht werden herausarbeiten können,“ dachte er, während er auf die heftigen Stöße des Windes horchte, der den Schnee gegen das Vorderteil des Schlittens peitschte und so stark blies, daß die Bastwand sich bog.