Nachdem ich das letzte Wort geschrieben, sah ich ihn in Erwartung des weiteren an. Er aber sagte mit unbeschreiblicher Majestät »Punktum!« und gab ein Zeichen, ihm die Hefte zu übergeben. Mehreremal las er laut, mit verschiedener Betonung, augenscheinlich mit größter Zufriedenheit diese Phrase, die seine innersten Gedanken ausdrückte, gab uns dann ein Pensum aus der Geschichte und blieb selbst am Fenster sitzen. Sein Gesicht war aber schon nicht mehr so verdrießlich wie vorher; es drückte die Zufriedenheit eines Mannes aus, der sich für eine ihm zugefügte Schmach würdig gerächt hat.

Ich lernte am offenen Fenster gerade über Papas Zimmer. Unten hörte man Papas und Mamas Stimmen, aber Wolodja sagte Karl Iwanowitsch, der mit geschlossenen Augen dasaß, so laut seine Lektion her, daß man nicht hören konnte, was sie sprachen.

Warum ist Mama zu ihm gegangen, und nicht er zu ihr? dachte ich. Sie hat ihn zu sich gerufen, was macht ihm das für Mühe; warum muß er sie beunruhigen?

Papa und Mama lebten sehr gut miteinander. Niemals während ihrer Ehe wurde von irgendeiner Seite gegen den anderen ein Vorwurf laut oder bestand der geringste Verdacht der Untreue oder des Betruges. Mama war ein so reines, liebendes und gläubiges Wesen, daß sie nichts argwöhnen, geschweige selbst Argwohn einflößen konnte.

Oft, wenn ich an ihr Verhältnis dachte, wollte ich mir das Gefühl vergegenwärtigen, das sie verband; aber entweder weil meine Erinnerungen mich im Stich ließen oder weil ich Enttäuschung fürchtete, brachte ich das nicht fertig. Bald war mir das Gefühl, das ich mir ausmalte, in der Erinnerung nicht gegenwärtig, bald brachte ich es nicht fertig, daran zu glauben. Fest überzeugt war ich, daß Papa seine Wange hinhielt und Mama ihn küßte, das heißt, er übte stets und in allen Dingen einen großen Einfluß auf sie aus.

Sie gehörte zu den weiblichen Wesen, deren Lebensaufgabe Selbstaufopferung und das Glück anderer bilden. Deswegen war Papa, obgleich er aufmerksam war und mit einer anderen Frau ein guter Mann gewesen wäre, mit Mama grob. Das konnte man daran merken, daß er sich bisweilen von ihr bedienen, sich ihre kleinen Vergnügen zum Opfer bringen ließ, ihr bisweilen das Wort abschnitt. Ja selbst bei den häuslichen Anordnungen war das zu sehen. Wer hatte im Hause die meisten Fenster? Aus wessen Fenster hatte man die schönste Aussicht? Wessen Dienerschaft war am besten untergebracht? Wer hatte den schönsten und bequemsten Eingang? Wer den Ausgang in den Garten? Auf wessen Hälfte war der Kamin? Wer empfing die gemeinsamen Gäste? Wem brachte der alte Gärtner die Kaktus Grandiflora und erklärte mit ruhiger Wichtigkeit, morgen stände sie in Blüte? Vor wessen Fenstern tanzten Bienen und versammelten sich das Hofgesinde und Kinder? Alle diese Vorteile waren auf Papas Seite.

Als Wolodja mit Aufsagen innehielt, drangen aus dem Arbeitszimmer deutlich einige Sätze an mein Ohr. Aus diesen Bemerkungen verstand ich den ganzen Inhalt der Unterhaltung. Papa sagte, die Einnahmen seien dieses Jahr so klein und die Ausgaben so groß, daß man nicht daran denken könnte, mit der ganzen Familie nach Moskau zu übersiedeln, daß aber die Kinder, besonders Wolodja, der bald dreizehn Jahre alt würde, endlich etwas anderes lernen müßten als Tiroler Lieder und Karl Iwanowitschs Dialoge, daß er sie im Sommer aufs Land bringen und im nächsten Winter, so Gott wolle, alle nach Moskau überführen würde.

»Ich weiß, Liebster, daß es zu ihrem Besten dient, es ist aber doch recht traurig,« erwiderte Mama und trat vom Fenster fort.

Es war dreiviertel ein Uhr; einstweilen schien aber Karl Iwanowitsch nicht die Absicht zu haben, den unerträglichen Unterricht zu schließen. Ich sah das Hofmädchen vorübergehen, um die Teller zu waschen, hörte wie im Eßzimmer am Büfett mit Geschirr geklappert, der Tisch ausgezogen und mit Stühlen geschurrt wurde.