Bisweilen lief man unter dem Vorwande eines Bedürfnisses aus der Schulstunde in ihr Zimmer, ließ sich da nieder und träumte und sprach mit sich selbst, ohne sich durch ihre Anwesenheit geniert zu fühlen. Stets war sie beschäftigt. Sie zählte Wäsche oder kramte in den Kisten und Kasten, die ihr Zimmer füllten oder strickte Strümpfe und erwiderte auf den Unsinn, den ich schwatzte: »Ja, mein Liebling, ja.« Gewöhnlich wenn ich aufstand und fortgehen wollte, öffnete sie den blauen Kasten, auf dessen Deckel innen, wie ich noch weiß, das bunte Bild eines Husaren, ein Bogen mit Pomadenbüchsen und Wolodjas Bleistiftzeichnung geklebt waren. Dann nahm sie eine Räucherkerze aus dem Kasten, zündete sie an, schwenkte sie hin und her und sagte: »Das ist noch Räucherwerk aus Otschakow, mein Liebling. Als dein verstorbener Großvater – Gott hab ihn selig – gegen die Türken zog, brachte er das mit. Das ist schon das letzte Stück,« schloß sie mit einem Seufzer.

In den Kisten in ihrem Zimmer war einfach alles. Wenn jemand irgend etwas brauchte, hieß es gewöhnlich »frag Natalie«. Und wirklich, nach kurzem Stöbern fand sie den gewünschten Gegenstand und sagte: »Da hab' ich's gerade noch aufbewahrt.«

In diesen Kisten waren tausend Dinge, von denen niemand wußte als sie.

Nur ein einziges Mal war ich ihr böse. Das kam so. Als ich mir zum Mittagessen Kwas einschänkte, warf ich die Karaffe um und begoß das Tischtuch.

»Ruf mal Natalie Sawischna, damit sie sich über ihren Liebling freut,« sagte Mama.

Sie kam, sah die Überschwemmung, die ich angerichtet hatte und schüttelte den Kopf. Dann sagte Mama ihr etwas ins Ohr, und sie ging, mir mit dem Finger drohend, hinaus. Als ich nach Tisch in den Saal ging, sprang plötzlich Natalie Sawischna mit dem Tischtuch in der Hand hinter der Tür hervor, packte mich und fuhr mit den Worten: »Mach das Tischtuch nicht schmutzig, mach das Tischtuch nicht schmutzig!« über mein Gesicht. Das brachte mich so in Wut, daß ich laut brüllte.

Wie! sagte ich mir unter Tränen, Natalie Sawischna, einfach Natascha, unsere Leibeigene, sagt »du« zu mir und fährt mir mit dem nassen Tischtuch ins Gesicht wie einem Hofjungen! Nein, das ist schrecklich!

Als Natalie Sawischna sah, daß ich Speichel ließ, lief sie fort. Ich aber wanderte im Saal auf und ab und brütete, wie ich mich wegen dieser Beleidigung an der frechen Natalie rächen könnte.