Statt Iwins erschienen hinter der Bedientenhand, die den Wagen öffnete, zwei Personen weiblichen Geschlechts: eine große in blauem Mantel mit Zobelkragen, die andere – klein, vollständig in ein langes schwarzes Tuch gewickelt, aus dem nur die kleinen Füße in Pelzstiefeln hervorguckten. Ohne meine Anwesenheit im Flur im geringsten zu beachten – obgleich ich es für nötig gehalten hatte, ihnen eine Verbeugung zu machen – trat die Kleine zur Größeren und blieb schweigend vor ihr stehen. Diese wickelte das große Tuch los, das den ganzen Kopf der Kleinen verhüllte, knöpfte ihren Mantel auf, und als der Diener diese Sachen in Verwahrung genommen und ihr die Pelzstiefel ausgezogen hatte, kam aus der Verhüllung ein wunderhübsches zwölfjähriges Mädchen in kurzem ausgeschnittenen Tüllkleide, in weißen Höschen und winzigen schwarzen Schuhen zum Vorschein. Den weißen Hals umschloß ein schwarzes Samtband; ihr ganzes Köpfchen war mit dunkelblonden Locken bedeckt, die vorn so gut zu dem hübschen Gesicht und hinten zu den nackten Schultern paßten, daß ich niemandem, selbst Karl Iwanowitsch nicht geglaubt hätte, diese Locken seien dadurch entstanden, daß man sie seit heute morgen mit Stückchen der »Moskauer Nachrichten« umwickelt und nachher mit einem heißen Eisen gebrannt hatte. Es sah vielmehr aus, als wäre sie mit diesem Lockenkopf geboren.
Ihre Augen waren sehr groß und vorstehend, zur Hälfte von den langbewimperten Lidern bedeckt. Diese Augen hatten einen ernsten, etwas traurigen Ausdruck. Die Lippen dagegen waren frisch, und ihre Form entsprach durchaus dem Ausdruck des Mundes.
Überhaupt war dieses Mädchen ein Wesen, von dem man kein Lächeln erwartet und dessen Lächeln infolgedessen um so bezaubernder wirkt.
Während die große Person, Madame Walachin, ihr im Wagen etwas kraus gewordenes Kleid zurechtstrich und die Kleine, ihre Tochter Sonja, sich mit augenscheinlichem Vergnügen im Spiegel betrachtete, schlüpfte ich, jetzt mit dem Wunsch, unbemerkt zu bleiben, in die Saaltür und ging drinnen nachdenklich auf und ab, als wüßte ich gar nicht, daß Gäste gekommen wären. Als die beiden den Saal halb durchschritten hatten, machte ich einen eleganten Kratzfuß und erklärte, Großmutter sei im Gastzimmer. Frau Walachin, die mir besonders wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Tochter sehr gefiel, nickte mir gnädigst zu.
Großmutter empfing die beiden sehr liebenswürdig; besonders schien sie sich über Sonjas Anblick zu freuen, die sie dicht zu sich heranrief. Sie strich ihr eine Locke zurecht und meinte, ihr Gesicht aufmerksam betrachtend: »Quelle charmante enfant!«
Sonja lächelte errötend und tat so lieb, daß ich ebenfalls vor Vergnügen und Verlegenheit errötete.
»Hoffentlich gefällt es dir bei mir, mein Kind,« sagte Großmutter und faßte sie unters Kinn. »Tanz und amüsiere dich, so gut du kannst. Da sind schon zwei Kavaliere,« wandte Großmutter sich an Frau Walachin und berührte mich mit der Hand. Diese Annäherung war mir sehr angenehm und ließ mich noch mehr erröten. Im Gefühl, daß meine Verlegenheit noch zunehmen könnte, und da ich auch das Rollen einer Equipage hörte, hielt ich es für angebracht, mich zu entfernen.
Im Flur traf ich die Fürstin Korpakow nebst Sohn und einer unendlichen Anzahl Töchter, einer geradezu unwahrscheinlichen, wenn man bedenkt, daß alle aus einem Schoß und einer Equipage gekommen waren. Alle Töchter glichen der Fürstin und waren häßlich; deswegen fesselte keine meine Aufmerksamkeit; ich bemerkte nur, daß alle blasse Gesichter und rötliches Haar hatten und beim Ablegen der Mäntel, Boas und Mützen durcheinander rannten, mit ihren dünnen Stimmen plapperten und lachten – wahrscheinlich darüber, daß sie so viele waren.
Etienne war ein dreizehnjähriger, großer, fleischiger, schwitzender Knabe mit bereits »wissendem« Gesichtsausdruck, eingefallenen, blauumränderten Augen und riesigen Füßen und Händen; er war plump, seine Stimme wechselte, er schien aber sehr zufrieden mit sich und war genau so wie ein Junge, der mit Ruten gezüchtigt wird, meiner Auffassung nach sein kann. Die bläulichen Schatten unter den Augen schrieb ich infolge meiner Unerfahrenheit keinem anderen Grunde zu.