Dann trat ihr das Weh ans Herz – man sah den Augen an, daß die Ärmste sich schrecklich quälte; sie fiel auf die Kissen, biß in das Bettuch und ihre Tränen flossen ununterbrochen.«

»Und dann?« fragte ich.

Natalie Sawischna konnte nicht weiter sprechen; sie wandte sich ab und weinte bitterlich.

Mama starb unter schrecklichen Qualen.

Warum litt sie? Warum …

29. Trauer.

Am nächsten Tage, spät abends, wollte ich sie noch einmal sehen. Das unwillkürliche Angstgefühl überwindend, öffnete ich leise die Tür und trat auf Zehenspitzen in den Saal.

Mitten im Zimmer stand der Sarg auf einem Tisch; ringsum heruntergebrannte Lichter in hohen silbernen Leuchtern; in einer entfernten Ecke saß der Küster und las halb im Schlaf mit leiser, gleichmäßiger Stimme den Psalter.

Ich blieb an der Tür stehen und schaute hin; aber meine Augen waren so verweint und meine Nerven so zerrüttet, daß ich nichts unterscheiden konnte. Licht, Brokat, Samt, die hohen Leuchter, das spitzenbesetzte rosa Kissen, das Stirnband, die Haube mit Bändern und noch etwas Durchsichtiges, Wachsfarbenes – alles floß ineinander. Ich stieg auf einen Stuhl, um ihr Gesicht zu sehen; aber an der Stelle, wo es sein mußte, war wieder das blaßgelbliche, durchsichtige Etwas. Ich konnte nicht glauben, daß das ihr Gesicht sei; ich blickte unverwandt hin und unterschied allmählich die bekannten, lieben Züge. Als ich mich überzeugte, daß sie es war, fuhr ich vor Schreck zusammen. Warum waren die geschlossenen Augen so eingefallen? Woher diese schreckliche Blässe und der schwärzliche Fleck unter der durchsichtigen Haut auf einer Wange? Warum war der ganze Gesichtsausdruck so streng und kalt? warum die Lippen so blaß und ihre Linie so schön, majestätisch, überirdisch ruhig, daß mich kalter Schreck bei ihrem Anblick überlief?

Ich schaute hin und fühlte, daß eine rätselhafte, unbezwingliche Macht meine Blicke an dieses schöne, leblose Antlitz fesselte. Ich wandte kein Auge von ihr, und meine Phantasie malte mir Bilder voll Leben und Glück. Ich vergaß, daß der Leichnam, der vor mir lag und den ich stumpfsinnig wie irgendeinen Gegenstand anstarrte, der nichts mit meinen Erinnerungen zu tun hatte, – sie war. Ich stellte mir die Mutter bald in diesem, bald in jenem Zustande vor – lebend, heiter, lächelnd; dann überraschte mich plötzlich ein Zug in dem blassen Gesicht, auf welches meine Blicke gerichtet waren – mir fiel die schreckliche Wirklichkeit ein, ich zuckte zusammen, wandte aber die Augen nicht ab. Und wieder traten Träume an Stelle der Wirklichkeit, und das Bewußtsein der Wirklichkeit zerstörte die Träume. Endlich war die Phantasie ermüdet; sie betrog mich nicht mehr; das Wirklichkeitsbewußtsein verschwand ebenfalls; ich war nicht mehr bei mir selbst.