»Verderben Sie Ihre Stimmung nicht,« sagte er. »In Ihrer Seele ist jetzt eine Musik, die schöner ist als jede Musik auf Erden.«
Ich war ihm dankbar dafür, und doch war es mir zugleich auch etwas unangenehm, daß er so leicht und klar alles begriff, was als Geheimnis in meiner Seele ruhen sollte. Beim Mittagessen sagte er, er sei gekommen, mir zu gratulieren und zugleich Abschied zu nehmen, weil er morgen nach Moskau verreise. Als er das sagte, sah er nur Katja an; dann streifte er aber auch mich mit einem Blick, und ich sah ihm an, daß er fürchtete, in meinem Gesicht eine Erregung zu merken. Aber ich war weder erstaunt noch erregt und fragte ihn nicht mal, ob er für lange verreise. Ich hatte erwartet, daß er es sagen würde, und ich wußte auch, daß er nicht verreisen würde. Wie ich das wußte? Jetzt kann ich mir das unmöglich erklären; aber an jenem denkwürdigen Tage war es mir, als ob ich alles, wie das Vergangene, so auch das Zukünftige wüßte. Ich war wie in einem glücklichen Traum, wo mir alles, was auch geschieht, schon bekannt vorkommt, wo ich alles schon längst weiß, es aber erst in der Zukunft geschehen soll, und ich weiß, daß es geschehen wird.
Er wollte gleich nach dem Essen wegfahren, aber Katja, die noch von der Messe ermüdet war, zog sich zurück, um sich etwas hinzulegen, und er mußte warten, bis sie erwachte, um sich von ihr zu verabschieden. Im Salon war die Sonne, und wir gingen auf die Terrasse. Kaum hatten wir uns hingesetzt, als ich in vollkommener Ruhe das Gespräch begann, das über das Schicksal meiner Liebe entscheiden sollte. Ich fing zu sprechen an, weder früher noch später, sondern just in dem Augenblick, als wir uns hingesetzt hatten, als noch nichts gesagt worden war und als weder der Ton noch der Charakter des Gesprächs mich darin, was ich sagen wollte, hindern konnten. Ich weiß selbst nicht, wo ich damals solche Ruhe, Entschlossenheit und Genauigkeit der Ausdrucksweise hernahm. Es war, als sagte ich es nicht selbst, als spräche etwas, was von meinem Willen nicht abhing, aus mir heraus. Er saß mir gegenüber, die Ellbogen auf das Geländer gestützt und rupfte die Blätter von einem Fliederzweige, den er zu sich herangezogen hatte. Als ich zu sprechen anfing, ließ er den Zweig fahren und stützte den Kopf in die Hand. Das konnte die Pose eines durchaus ruhigen, wie auch die eines sehr aufgeregten Mannes sein.
»Warum verreisen Sie?« fragte ich bedeutungsvoll und langsam, ihm gerade ins Gesicht blickend.
Er antwortete nicht gleich.
»Die Geschäfte!« versetzte er schließlich, die Augen senkend.
Ich begriff, wie schwer es ihm fiel, mir die Unwahrheit zu sagen und dazu noch auf eine so aufrichtig gestellte Frage.
»Hören Sie,« sagte ich, »Sie wissen, was dieser Tag für mich ist. Er ist mir in mancher Beziehung wichtig. Wenn ich Sie frage, so tue ich es nicht nur, um mein Interesse für Sie zu zeigen (Sie wissen, daß ich mich an Sie gewöhnt habe und Sie gerne mag); ich frage, weil ich es wissen muß. Warum verreisen Sie?«
»Es ist mir sehr schwer, Ihnen die Wahrheit zu sagen, warum ich verreise,« sagte er. »In dieser Woche habe ich viel an Sie und auch an mich gedacht und bin zu dem Schluß gekommen, daß ich verreisen muß. Sie verstehen doch, warum, und wenn Sie mich lieben, werden Sie nicht weiter fragen.« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne und bedeckte dann mit ihr die Augen. »Es fällt mir schwer … Und Sie verstehen es doch.«