Wie, sind Sie müde, Nikolaj Fjodorowitsch?
Nein, wir waren ja ... wollte Bolchow beginnen.
Aber die Würde des Bataillonskommandeurs erforderte wahrscheinlich, daß er wieder unterbreche und eine neue Frage stellte:
Es war doch ein prächtiges Gefecht heute?
Der Bataillonsadjutant war ein junger Fähnrich, der vor kurzem noch Junker gewesen war, ein bescheidener und stiller junger Mann mit einem verschämten und gutmütig freundlichen Gesicht. Ich hatte ihn früher schon bei Bolchow gesehen. Der junge Mann besuchte ihn häufig, er machte seine Verbeugung, setzte sich in die Ecke, schwieg stundenlang, drehte sich Cigaretten und rauchte sie, dann erhob er sich wieder, verbeugte sich und ging. Es war der Typus eines armen, russischen jungen Edelmanns, der die militärische Laufbahn als die einzige seiner Bildung entsprechende gewählt hatte und seinen Offiziersberuf höher stellte als alles in der Welt – ein gutmütiger und liebenswürdiger Typus, trotz der von ihm unzertrennlichen lächerlichen Eigentümlichkeiten: des Tabaksbeutels, des Schlafrocks, der Guitarre, des Schnurrbartbürstchens, ohne die wir uns ihn nicht vorstellen können. Im Regiment erzählte man von ihm, er prahle damit, daß er gegen seinen Burschen gerecht, aber streng sei. – »Ich strafe selten, pflegte er zu sagen, aber wenn's dazu kommt, dann wehe.« Und als sein betrunkener Bursche ihm einmal alles gestohlen hatte und noch seinen Herrn zu schimpfen begonnen, habe er ihn auf die Hauptwache gebracht und Befehl gegeben, alles zu seiner Bestrafung vorzubereiten, sei aber bei dem Anblick der Vorbereitungen so verlegen geworden, daß er nur die Worte hervorbringen konnte: »Na, siehst du ... ich könnte doch ...« dann sei er ganz fassungslos nach Hause gerannt, und scheue sich von dieser Stunde an, seinem Tschernow in die Augen zu sehen. Die Kameraden ließen ihm keine Ruhe und neckten ihn damit, und ich habe oftmals gehört, wie der gute Junge sich verteidigte und, bis über die Ohren errötend, versicherte, das gerade Gegenteil sei wahr.
Die dritte Person, Kapitän Trossenko, war ein alter Kaukasier in der ganzen Bedeutung dieses Wortes, d. h. ein Mensch, für den die Kompagnie, die er kommandierte, zur Familie, die Festung, in der der Stab lag, zur Heimat und die Spielleute zur einzigen Freude seines Lebens geworden sind – ein Mensch, für den alles, was nicht der Kaukasus ist, unbeachtenswert, ja kaum glaubwürdig ist; alles aber, was Kaukasus war, zerfiel in zwei Hälften, unsere und nicht unsere: die eine liebte er, die andere haßte er mit aller Kraft seiner Seele, und was die Hauptsache war, er war ein Mensch von erprobter, ruhiger Tapferkeit, von seltener Güte im Umgang mit seinen Kameraden und Untergebenen und von verzweifelter Gradheit, ja sogar Keckheit im Verkehr mit den ihm aus irgend einem Grunde verhaßten Adjutanten und Bonjours. Als er in die Hütte trat, stieß er beinahe mit dem Kopf das Dach durch, dann ließ er sich schnell nieder und setzte sich auf die Erde.
Nun, wie? sagte er; da bemerkte er plötzlich mein ihm unbekanntes Gesicht, stockte und heftete seinen trüben Blick unverwandt auf mich.
Worüber also haben Sie geplaudert? fragte der Major, zog seine Uhr und sah nach ihr, obgleich er, wie ich fest überzeugt bin, gar nicht das Bedürfnis hatte, das zu thun.
Ja, er hat mich gefragt, weshalb ich hier diene ...