Neben uns hörten wir das gleichmäßige Schnarchen, das Knistern der Reiser im Feuer, flüchtiges Gespräch und von Zeit zu Zeit das Klirren der Gewehre der Infanterie. Ringsumher loderten die Wachtfeuer und beleuchteten im nahen Umkreis die schwarzen Schatten der Soldaten. Bei den nächstgelegenen Wachtfeuern unterschied ich an hellbeleuchteten Stellen die Gestalten nackter Soldaten, die ihre Hemden über der Flamme hin- und herschwenkten. Viele von den Leuten schliefen noch nicht und bewegten sich in einem Umkreis von fünfzehn Quadratfaden plaudernd hin und her; aber die düstere, dumpfe Nacht gab dieser ganzen Bewegung ihren eignen, geheimnisvollen Klang, als fühlte jeder die düstere Stille und scheute sich, ihre friedliche Harmonie anzutasten. Wenn ich ein Wort sprach, fühlte ich, daß meine Stimme anders klinge. In den Gesichtern der Soldaten, die um das Feuer herumlagen, las ich dieselbe Stimmung. Ich dachte, sie hätten bis zu meiner Ankunft von dem verwundeten Kameraden gesprochen; aber keineswegs. Tschikin hatte von dem Eintreffen seiner Sachen in Tiflis und von den Schulknaben der Stadt erzählt.
Ich habe immer und überall, besonders im Kaukasus, bei unseren Soldaten einen besonderen Takt beobachtet – in der Zeit der Gefahr alles zu unterdrücken und zu vermeiden, was unvorteilhaft auf den Geist der Kameraden einwirken könnte. Der Geist des russischen Soldaten beruht nicht, wie die Tapferkeit der südlichen Völker, auf einer schnell entflammten und erkaltenden Begeisterung: er ist ebenso schwer zu entflammen, wie geneigt den Mut sinken zu lassen. Er bedarf keiner Effekte, keiner Reden, keines Kriegsgeschreis, keiner Lieder und Trommelwirbel; er bedarf vielmehr der Ruhe, der Ordnung, der Vermeidung alles Erkünstelten. Bei dem russischen, bei dem echt russischen Soldaten wird man nie Prahlerei, Bravour, den Wunsch, sich im Augenblick der Gefahr zu betäuben, zu erregen wahrnehmen. Im Gegenteil. Bescheidenheit, Schlichtheit und die Fähigkeit, in der Gefahr etwas ganz anderes zu sehen als die Gefahr, bilden die unterscheidenden Merkmale seines Charakters. Ich habe einen Soldaten gesehen, der am Bein verwundet war und dem im ersten Augenblick nur der zerfetzte neue Pelz leid that; einen Reiter, der unter dem Pferde hervorkroch, das ihm unter dem Leibe erschossen worden war, und der den Gurt abschnallte, um den Sattel herunterzunehmen. Wer erinnert sich nicht des Vorfalls bei der Belagerung von Gergebel, wo im Laboratorium das Zündrohr einer gefüllten Bombe Feuer fing, und der Feuerwerker zwei Soldaten befahl, die Bombe zu ergreifen, mit ihr davonzurennen und sie in den Graben zu werfen, und die Soldaten sie nicht in nächster Nähe bei dem Zelt des Obersten niederwarfen, das am Rande des Grabens stand, sondern weiter forttrugen, um die Herren nicht zu wecken, die im Zelte schliefen, und beide in Stücke zerrissen wurden? Ich erinnere mich noch, es war im Feldzuge 1852, wie einer der jungen Soldaten zu einem anderen während des Kampfes sagte, der Zug würde wohl kaum hier wieder fortkommen, und wie der ganze Zug wütend über ihn herfiel wegen der dummen Redensarten, die sie nicht einmal wiederholen wollten. Und so hörten jetzt, wo jedem Welentschuk hätte im Sinne liegen müssen, und wo jeden Augenblick die heranschleichenden Tataren auf uns hätten feuern können, alle der lebendigen Erzählung Tschikins zu, und niemand gedachte mit einem Worte des heutigen Gefechts, noch der bevorstehenden Gefahr, noch des Verwundeten. Als ob das weiß Gott wie lange hinter uns läge, oder gar nie gewesen wäre. Mir aber schien es, als wären ihre Gesichter nur finsterer als gewöhnlich. Sie hörten nicht allzu aufmerksam auf Tschikins Erzählung hin, und Tschikin fühlte sogar, daß man ihm nicht zuhörte, sprach aber immer ruhig weiter.
Da trat Maksimow an das Wachtfeuer heran und setzte sich neben mir nieder. Tschikin machte ihm Platz, hörte auf zu sprechen und begann wieder sein Pfeifchen zu schmauchen.
Die Infanteristen haben nach Schnaps ins Lager geschickt, sagte Maksimow nach ziemlich langem Schweigen, sie sind eben zurückgekommen. – Er spie ins Feuer. – Ein Unteroffizier hat erzählt, sie haben unsern Verwundeten gesehen.
Wie, lebt er noch? fragte Antonow und drehte das Kesselchen herum.
Nein, er ist tot.
Der junge Rekrut erhob plötzlich seinen kleinen Kopf mit dem roten Mützchen über das Feuer empor, sah einen Augenblick Maksimow und mich aufmerksam an, dann ließ er ihn schnell sinken und hüllte sich in seinen Mantel.
Siehst du, nicht umsonst ist der Tod heut früh zu ihm gekommen, wie ich ihn im Park wecken wollte, sagte Antonow.
Leeres Geschwätz, sagte Shdanow und drehte den glimmenden Baumstamm um; alle verstummten.
Mitten durch die allgemeine Stille ertönte hinter uns im Lager ein Schuß. Unsere Trommler meldeten sich und schlugen den Zapfenstreich. Als der letzte Wirbel verklungen war, erhob sich zuerst Shdanow und zog seine Mütze. Wir alle folgten seinem Beispiel.