Ich gab mir Mühe, mich wegen dieses für ihn so auffälligen Schrittes zu rechtfertigen.
Ich kann mir denken, wie schwer auch für Sie der Verkehr mit diesen Offizieren ist, mit diesen Menschen, die gar keine Vorstellung von Bildung haben. Es ist nicht möglich, daß sie für Sie Verständnis haben. Sie können zehn Jahre hier leben und werden nichts anderes sehen und hören als Karten, Wein und Unterhaltung über Auszeichnungen und Feldzüge.
Es berührte mich unangenehm, daß er verlangte, ich sollte durchaus seine Behauptung teilen, und ich beteuerte ihm mit voller Aufrichtigkeit, daß ich Karten, Wein und Gespräche über Feldzüge sehr gern hätte. Aber er wollte mir nicht glauben.
Ach, Sie sagen das so, fuhr er fort. Und der Mangel an Frauen, d. h. ich meine femmes comme il faut, ist das nicht eine schreckliche Entbehrung? Ich weiß nicht, was ich jetzt drum gäbe, wenn ich mich nur auf einen Augenblick in einen Salon versetzen und auch nur durch ein Thürspältchen ein reizendes Weib sehen könnte.
Er schwieg eine Weile und trank noch ein Glas Wein.
Ach, Gott! Ach, Gott! Vielleicht haben wir noch einmal das Glück, uns in Petersburg bei Menschen zu begegnen, mit Menschen, mit Frauen zu verkehren und zu leben. – Er trank den letzten Rest Wein aus, der noch in der Flasche geblieben war, dann sagte er: Oh, pardon, Sie hätten vielleicht auch noch getrunken, ich bin schrecklich zerstreut. Ich habe, glaube ich, zu viel getrunken, et je n'ai pas la tête forte. Es gab eine Zeit, wo ich auf der Morskaja (in Petersburg) au rez de chaussée wohnte, ich hatte eine wundervolle kleine Wohnung, eigene Möbel, müssen Sie wissen, ich habe es verstanden, alles reizend einzurichten, wenn auch nicht übermäßig teuer. Allerdings, mon père gab mir Porzellan, Blumen, wundervolles Silber. Le matin je sortais, Besuche machen; à 5 heures régulièrement fuhr ich zu ihr zu Mittag, oft war sie allein. Il faut avouer que c'était une femme ravissante! Sie haben sie nicht gekannt, gar nicht?
Nein.
Wissen Sie, Weiblichkeit besaß sie im höchsten Maße, Zärtlichkeit, und erst ihre Liebe! ... Du lieber Gott! Ich habe damals dieses Glück nicht zu schätzen gewußt. Oder nach dem Theater kehrten wir häufig zu zweien nach Hause zurück und speisten zu Abend. Nie habe ich bei ihr Langeweile empfunden, toujours gaie, toujours aimante. Ja, ich ahnte gar nicht, was für ein seltenes Glück das war. Et j'ai beaucoup à me reprocher ihr gegenüber. Je l'ai fais souffrir et souvent, ich war grausam. Ach, es war eine köstliche Zeit! Langweilt Sie das?
Nein, keineswegs.
Dann will ich Ihnen von unseren Abenden erzählen. Ich komme: diese Treppe, jeden Blumentopf kannte ich, die Thürklinke – alles so lieb, so bekannt, dann das Vorzimmer, ihr Zimmer ... Nein, das kommt niemals, niemals wieder! Sie schreibt mir auch jetzt noch; ich will Ihnen gern ihre Briefe zeigen. Aber ich bin nicht mehr derselbe – ich bin ein Verlorner, ich bin ihrer nicht mehr würdig ... Ja, ich bin für ewig verloren! Je suis cassé. Ich habe keine Energie, keinen Stolz, nichts mehr. Auch mein Adel ist hin ..., ja, ich bin ein Verlorner! Und kein Mensch wird je mein Leiden begreifen – niemand fühlt mit mir. Ich bin ein gefallener Mensch! Nie kann ich mich wieder erheben, denn ich bin moralisch gesunken – in Schmutz gesunken ... In diesem Augenblicke klang aus seinen Worten aufrichtige, tiefe Verzweiflung; er sah mich nicht an und saß unbeweglich da.