»Gott sei Dank, es ist nur ein Streifschuß!« war sein erster Gedanke, und er wollte mit den Händen seine Brust befühlen; aber seine Hände waren wie gelähmt und sein Kopf wie in einen Schraubstock eingeklemmt. Vor seinen Augen huschten die Soldaten vorüber, und bewußtlos zählte er sie: »Eins, zwei, drei Mann; da einer in den Mantel gehüllt, ein Offizier,« dachte er. Dann flammte ein Blitz vor seinen Augen auf, und er dachte darüber nach, woher der Schuß wohl kommt: aus einem Mörser oder aus einer Kanone? Wahrscheinlich aus einer Kanone. Da neue Schüsse; da noch Soldaten: fünf, sechs, sieben Mann, alle gehen vorüber. Plötzlich wurde ihm furchtbar zu Mut, als ob ihn jemand würgte. Er wollte schreien, er habe einen Streifschuß bekommen, aber sein Mund war so vertrocknet, daß ihm die Zunge am Gaumen klebte, und ein schrecklicher Durst ihn quälte. Er fühlte, wie naß er um die Brust war: dieses Gefühl der Nässe rief ihm das Wasser in Erinnerung, und er hätte auch das trinken mögen, wovon seine Brust naß war.

»Wahrscheinlich habe ich mich blutig geschlagen, als ich fiel,« dachte er. Er überließ sich immer mehr und mehr der Furcht, daß die Soldaten, die an ihm vorüberhuschten, ihn erwürgen würden. Er nahm alle Kräfte zusammen und wollte schreien: »Nehmt mich mit!« Aber anstatt dessen stöhnte er so schrecklich, daß es ihm fürchterlich war, sich zu hören. Dann hüpften rote Flämmchen vor seinen Augen, und es war ihm, als legten Soldaten Steine über ihn; die Flämmchen hüpften immer schneller und schneller, die Steine, die man über ihn legte, drückten immer schwerer und schwerer. Er machte eine Anstrengung, um die Steine abzuwälzen, streckte sich aus, und dann sah, hörte, dachte und fühlte er nichts mehr. Er war durch einen Bombensplitter mitten in die Brust getroffen und auf der Stelle getötet worden.

XIII

Michajlow war, als er die Bombe sah, auf die Erde niedergefallen; während der zwei Sekunden, in welchen die Bombe ungeborsten dalag, dachte und fühlte er ebenso viel, wie Praßkuchin. Er betete in Gedanken zu Gott und wiederholte fortwährend: »Dein Wille geschehe! Und wozu bin ich in den Dienst getreten – dachte er gleichzeitig – und noch dazu in die Infanterie, um an dem Feldzuge teilzunehmen? Wäre es nicht besser gewesen, im Ulanenregiment zu bleiben in T. und meine Zeit bei meiner lieben Natascha zuzubringen? Jetzt ...« Und er begann zu zählen: eins, zwei, drei, vier und sagte sich, gerade heißt lebendig bleiben, ungerade tot: »Nun ist alles zu Ende, ich bin tödlich getroffen!« dachte er, als die Bombe platzte, und er einen Schlag an den Kopf bekam und einen rasenden Schmerz empfand. »Herr, verzeih' mir meine Sünden,« rief er mit gefalteten Händen, wollte sich erheben, fiel aber besinnungslos auf den Rücken.

Das erste, was er fühlte, als er wieder zu sich kam, war das Blut, das ihm über die Nase strömte, und der bei weitem schwächer gewordene Schmerz am Kopf. »Die Seele entflieht, dachte er. – Wie wird es »dort« sein? ... Herr, nimm meine Seele in Frieden auf. Nur das Eine ist sonderbar, dachte er, daß ich sterbend so deutlich die Schritte der Soldaten und die Schüsse höre.«

Eine Bahre her ... he ... unser Hauptmann ist tot! schrie über seinem Kopfe eine Stimme, die er unwillkürlich als die des Trommlers Ignatjew erkannte.

Da faßte ihn jemand bei den Schultern. Er versuchte, die Augen zu öffnen und sah über seinem Kopf den dunkelblauen Himmel, Sterngruppen und zwei über ihn hinfliegende Bomben, die um die Wette weitereilten – er sah Ignatjew, Soldaten mit Tragbahren und Gewehren, den Wall des Laufgrabens, und überzeugte sich plötzlich, daß er noch nicht im Jenseits sei.

Er war leicht von einem Stein am Kopf verwundet. Seine allererste Empfindung war etwas wie Bedauern: er hatte sich so gut und ruhig auf den Übergang »dorthin« vorbereitet, daß ihn die Rückkehr in die Wirklichkeit mit ihren Bomben, Laufgräben und Blute unangenehm berührte; seine zweite Empfindung war die unbewußte Freude darüber, daß er lebendig war; die dritte – der Wunsch, so bald als möglich die Bastion zu verlassen. Der Trommler verband seinem Hauptmann den Kopf mit einem Tuche, nahm den Verwundeten unter den Arm und wollte ihn nach dem Verbandort führen.

»Wohin und weshalb ich aber gehe? dachte der Stabskapitän, als er etwas zu sich gekommen war. Meine Pflicht ist, bei der Kompagnie zu bleiben und nicht vorzeitig fortzugehen, umsomehr, als sie bald aus dem Feuer herauskommen wird,« flüsterte eine innere Stimme ihm zu.