XVII

Am folgenden Tage dauerte das Bombardement mit gleicher Stärke fort. Gegen elf Uhr morgens saß Wolodja Koselzow in dem Kreise der Batterieoffiziere; er hatte sich schon ein wenig an sie gewöhnt und betrachtete die neuen Gesichter, beobachtete, fragte und erzählte. Das bescheidene, in gewissem Sinne auf Gelehrsamkeit Anspruch machende Gespräch der Artillerieoffiziere flößte ihm Achtung ein und gefiel ihm. Das schamhafte, unschuldige und hübsche Äußere Wolodjas machte ihm die Offiziere geneigt. Der älteste Offizier in der Batterie, ein Kapitän, ein Mann von kleiner Gestalt und rötlichem Haar mit einem Schopf und glattgekämmten Schläfen, in den alten Überlieferungen der Artillerie aufgewachsen, ein Ritter der Damen und sozusagen ein Gelehrter, fragte Wolodja nach seinen Kenntnissen in der Artillerie und nach neuen Erfindungen, spöttelte liebenswürdig über sein hübsches Gesichtchen und ging mit ihm im allgemeinen wie ein Vater mit seinem Sohne um, was Wolodja sehr wohl that. Der Unterleutnant Djadjenko, ein junger Offizier, der mit kleinrussischem Accent sprach, in einem zerrissenen Mantel und mit zerzaustem Haar, sprach zwar sehr laut, suchte immer eine Gelegenheit, giftig zu sein und hatte eckige Bewegungen, gefiel aber trotzdem Wolodja, der unter dieser herben Außenseite natürlich einen sehr prächtigen und guten Menschen sah. Djadjenko bot Wolodja fortwährend seine Dienste an und setzte ihm auseinander, daß alle Geschütze in Sewastopol nicht regelrecht aufgestellt seien. Leutnant Tschernowizkij mit den hochgezogenen Brauen gefiel Wolodja nicht, er war zwar höflicher als die anderen und trug einen ziemlich sauberen, wenn auch nicht neuen, doch aber sorgfältig geflickten Rock und ließ auf seiner Atlasweste eine goldene Kette sehen. Er wurde nicht müde zu fragen, was der Kaiser und der Kriegsminister machen, und erzählte ihm unaufhörlich mit erkünstelter Begeisterung von den Heldenthaten vor Sewastopol, klagte darüber, daß es so wenig Patrioten gebe und ließ überhaupt viel Wissen, Geist und edles Empfinden durchblicken; aber es berührte doch alles Wolodja unangenehm und unnatürlich. Vor allem bemerkte er, daß die übrigen Offiziere mit Tschernowizkij fast gar nicht sprachen. Der Junker Wlang, den er gestern geweckt hatte, war ebenfalls da. Er sprach nichts, sondern saß bescheiden in einer Ecke und lachte, wenn etwas Spaßhaftes erzählt und dabei etwas vergessen wurde, dessen er sich erinnerte, reichte Branntwein herum und machte für alle Offiziere Cigaretten. Mochte das bescheidene, höfliche Betragen Wolodjas, der mit ihm gerade so verkehrte, wie mit den Offizieren, und ihn nicht wie einen Knaben behandelte, oder sein angenehmes Äußere »Wlanga«, wie ihn die Soldaten nannten, indem sie seinen Namen zu einem Femininum umbildeten, fesseln, er konnte seine gutmütigen, großen Augen von dem Gesicht des neuen Offiziers nicht abwenden, indem er alle seine Wünsche zu erraten und ihnen zuvorzukommen suchte, und sich ununterbrochen in einer Extase der Verliebtheit befand, die natürlich von den Offizieren bemerkt und verspottet wurde.

Vor dem Mittagessen wurde ein Stabskapitän von der Bastion abgelöst und schloß sich ihrer Gesellschaft an. Stabskapitän Kraut war ein blonder, hübscher, fescher Offizier mit großem rötlichen Schnurrbart und Backenbart; er sprach das Russische vortrefflich, aber zu regelrecht und schön für einen Russen. Im Dienst und im Leben war er ganz wie in seiner Sprache: im Dienst ausgezeichnet, ein vortrefflicher Kamerad, der zuverlässigste Mann in Geldangelegenheiten, aber einfach als Mensch, und gerade deshalb, weil alles in einem gewissen Sinne gut an ihm war, fehlte ihm etwas. Wie alle russischen Deutschen war er, ein sonderbarer Gegensatz zu den »idealen« Deutschen, im höchsten Grade »praktisch«.

Da erscheint unser Held! rief der Kapitän, als Kraut, die Arme schwenkend und mit den Sporen klirrend, ins Zimmer kam.

Was wünschen Sie, Thee oder Schnaps?

Ich habe schon befohlen, den Ssamowar aufzustellen, antwortete er. Aber einen Schnaps kann man inzwischen schon genehmigen, denn der erfreut des Menschen Herz. Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen; ich bitte Sie, uns Freund und Gönner zu sein, sagte er zu Wolodja, der aufgestanden war und sich vor ihm verneigte. Stabskapitän Kraut ... Der Feuerwerker hat mir auf der Bastion gesagt, daß Sie schon gestern angekommen sind.

Ich danke Ihnen sehr für Ihr Bett; ich habe die Nacht darauf geschlafen.

Aber auch gut? ... Ein Fuß ist abgebrochen, und beim Belagerungszustande findet sich niemand, ihn auszubessern, – man muß was unterlegen.

Nun, wie war's, haben Sie glücklichen Tagesdienst gehabt? fragte Djadjenko.