Meine Aufgabe war es inzwischen, den Weihnachtsbaum, den wir aus der Heimat mitgenommen hatten, zu schmücken. Wenn je ein Weihnachtsbaum aufgeputzt worden ist mit Liebe und aller Herzlichkeit, so tat ich es da für meine Jungs. Liebesgaben aus der Heimat hatten wir die Menge. Da wurde aufgebaut! Und als ich fertig bin, wird gemeldet: »Die Flagge weht, die Kanone steht, S. M. S. ›Seeadler‹ ist klar.« Schmuck in blauen Uniformen wurde Weihnachten gefeiert. Dicht gedrängt saßen wir im Salon, in dem engen Raum; es war kaum Platz, man setzte sich auf den Tisch, damit man ja mit allen Jungs zusammensitzen konnte. Die Bilder, die da nun nicht mehr hingehörten, wurden von der Wand genommen und diejenigen aufgemacht, die hingehörten. Um unsern Schutzengel kam ein Weihnachtskranz und ein zweiter um unsern obersten Kriegsherrn. Nun ruhten aller Gedanken daheim bei den Angehörigen aus. Keiner von ihnen wußte, wo wir waren. Jede Meile brachte uns weiter weg, umringt von Feinden, keine Hilfe von der Heimat konnte uns mehr kommen. Aber, wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg, und wir wollten dem deutschen Namen Ehre machen und den Feinden zeigen, was deutsch ist, wenn wir auch nur eine kleine Schar von 64 waren.

Und dann kam der Tag nach Weihnachten, an dem uns der Wind nach Süden brachte. ...

Welche Vorkehrungen hätten wir gehabt, für den Fall, daß das Schiff als verdächtig gegolten hätte? Wir waren darauf vorbereitet, denn wir kannten die Art und Weise, wie die Engländer verdächtige Fahrzeuge handhaben. Der englische Kreuzer würde uns ein Prisenkommando an Bord geschickt haben, unter dessen Befehl ich das Schiff nach dem Untersuchungshafen hätte navigieren sollen. Um in diesem Falle das Schiff möglichst ohne Blutvergießen dem Prisenkommando wieder abzunehmen, hatte Dr. Claußen von der Tecklenborgwerft folgende Vorbereitungen vorgesehen.

Der Salon sollte aus dem Schiffskörper ausgeschnitten und fahrstuhlartig in einer hydraulischen Presse aufgehängt werden. Sein Fußboden war unter Deck diagonal durch eiserne Träger unterstützt, damit er Halt hätte. War das Schiff in Feindeshand, so würden die feindlichen Offiziere und die Besatzung in diesem Salon wohnen. An Deck wären sechs oder sieben Engländer zur Bewachung meiner Zivilbesatzung.

Wenn nun der britische Kreuzer außer Sicht war, dann wäre Alarm gegeben worden, um das Schiff wieder in unsere Hand zu bringen. In einem Waschraum war ein kleines Schränkchen, worin meine Uniform mit Orden und Ehrenzeichen hing. Ich hätte meinen Zivilmantel darübergezogen und an Deck laut das Stichwort gerufen: »Mars fallen, durchholen.« Im selben Augenblick sollte die Freiwache (unsere »norwegische« Besatzung) in die Takelage gehen zu den geheimnisvollen Türen, wo ihre Waffen und Uniformen hingen. Die Mannschaft unter Deck erhält durch ein leichtes Klingelzeichen Bescheid. Dann wäre durch das einfache Drücken auf einen Knopf der Salon in die Tiefe gesaust, mit Sofa, Tisch und Stühlen, und drunten wären die englischen Offiziere plötzlich fünfzehn Mann gegenüber gesessen, die sie mit aufgepflanztem Bajonett, Gewehr angelegt, empfangen hätten. Im gleichen Augenblick ging die deutsche Kriegsflagge hoch, die in einem Sack eingenäht war. Oben auf Deck wären meine Leute unter Trommelklang aus allen Räumen hervorgetreten, die Gewehre auf die britische Wache angelegt. Ein Maschinengewehr stand vorn, auch oben im Mast eines. Was hätten die Armen machen wollen? Es wäre glimpflich abgegangen.

Dieser Claußensche Plan war glänzend, aber es war doch gut, daß die Verschleierungsrolle gelang, denn infolge der verfrühten Abfahrt der »Maletta« war diese »Saloneinrichtung« nicht mehr ganz fertig geworden.


Zwölftes Kapitel.
Kaperfahrt.

Wir gingen gen Süden und steuerten mit vollen Segeln ohne Motor auf Madeira zu. Der Motor hatte trotz unserem tüchtigen Personal viele Pannen. Da ein Segelschiff durch den Druck der Segel stets nach einer Seite überliegt, wurden die Kolbenringe des Kompressors stark einseitig abgenutzt, und die Gebrauchsfähigkeit des Motors wurde besonders dadurch sehr herabgesetzt, daß das uns mitgegebene Schmieröl bereits schon einmal gebraucht war. Im Vaterlande war das Schmieröl, wie so vieles andere knapp geworden, und da unser Unternehmen nur bei wenigen, wie Kapt. z. S. Graßhoff und Toussaint, Vertrauen fand, und fast von jedermann sonst als ein verlorenes angesehen wurde, so wollte man nicht viel an uns wenden. So liefen wir meist mit ausgekuppeltem Motor.

Jetzt durfte man den Salon und alle Kammern wohnlich herrichten, die schönen Teppiche, Bilder, Sessel wurden ans Licht gebracht. Was hatte die Werft brav vorgesorgt; alles hatten wir an Bord bis zu Meyers Konversationslexikon, das uns besonders wertvoll war, denn es sagte uns jeden Fisch und war Schiedsrichter in den gelehrten Streitfragen, die menschlicher Fürwitz bei so langem Bordleben aufwirft. An Deck und in den Räumen wurde überall gemalt, das Teakholz außen gescheuert, damit man sich wieder auf einem deutschen Kriegsschiff fühlte. Das Schmuddelige wurde hinausgebracht und das Schöne, Saubere, Glänzende, das mußte heran. Jetzt fühlte man sich, wenn die »Plumböm«, so nannten wir die Masten, sich unter den Segeln bogen. Alles war froh und frei und ohne Sorgen auf unserem Schiff. Wir hatten Weisung, nur Segelschiffe anzugreifen. Segler gegen Dampfer, das geht doch nicht! Vielleicht war auch dies der Grund, weshalb man uns so schlechte Armierung mitgegeben hatte. Von unseren zwei Kanonen konnte natürlich immer nur eine in Aktion gegen den Feind treten; mit einer Kanone konnte man kein Trommelfeuer machen. Über das Wenige, was wir hatten, wollten wir aber vollkommen Herr sein. Die Geschützmannschaft exerzierte aus eigener Lust an der Sache und war so eingeschult, daß kein Schiff eine bessere hatte. Durch Drill und Präzision waren wir ein nicht zu verachtender Gegner. Unsere Armierung war und blieb freilich schwach, und strategische Regeln und normale Kriegskunst zur See konnten ein Segelschiff nicht zu erfolgreichem Krieg befähigen, so daß das geringe Vertrauen in unsere noch nie erprobte Sache am Ende nicht so unbegreiflich war. Aber wir verließen uns auf Treue, Willen und deutschen Geist, der, wenn er frisch ist, allen über ist. Dazu die Kriegslist. Bluff und Schneid sollten unsere eigentliche, aber unsichtbare Armierung sein.