Wir waren fertig, und nun kam für uns die Generalprobe heran. Am hellichten Tage machten wir blinden Alarm; denn als richtige Deutsche mußten wir auch die Gewißheit haben, daß alles Erfundene und Erarbeitete solide war und klappte.

Auf ein Stichwort begab sich also jeder auf seinen Posten. Grün sollte das Telephon umstellen, zerstören wollten wir es nicht, um im Fall des Mißlingens der Flucht keinen Verdacht zu erwecken. Klöhn hatte das kleine Ruderboot entzweizuschlagen, damit die Verfolgung erschwert würde. Schmid fuhr mit dem Wagen hinunter, Kohlen holen, in Wirklichkeit aber unter den leeren Säcken Benzin hinunterschaffend. Ich selbst ging mit Herrn von Egidy in das Gouverneurhaus, wo ich alles übersehen konnte. Paulsen und Freund sollten eine halbe Stunde vor Abfahrt in die »Perle«, um sie »reine zu machen«. Kircheiß half Mellert in dessen Haus beim Packen der letzten Sachen, und zu guter Letzt kam ich mit Egidy »auf einem Spaziergang« zur Landungsbrücke.

Den Probealarm haben wir tatsächlich in Gegenwart des Kommandanten ausgeführt, ohne daß er etwas ahnte. Bei dieser Übung sahen sich die elf Verschworenen zum ersten Male alle gegenüber. Vorher hatte ich nur einzeln mit ihnen verhandelt und keiner wußte vom andern; so gewissenhaft und verschwiegen hatten alle gehandelt. Nach den Erfahrungen wurde auch die eine oder andere Anordnung abgeändert, und mit deutscher Gründlichkeit war jetzt alles eingeübt.

Ein großer Teil der neuseeländischen Küstenschiffahrt kam an Motuihi vorbei. Bequem konnten wir von der Insel aus in aller Ruhe mit unseren Gläsern die Schiffe besichtigen, und wenn ein für uns passendes Fahrzeug vorbeisegelte, ihm geräumigen Abstand lassen, um mit unserer schnellen »Perle« hinterherzuflitzen. Da trat aber, als wir fertig waren, schlechtes Wetter ein und infolgedessen fuhren auch keine Schiffe vorbei, da der Wind von ungünstiger Seite kam.

Nun wollte Oberstleutnant Turner einmal fahren. Er liebte es, selbst zu steuern. Paulsen setzte sich bei der Fahrt nach vorn zu Freund, damit der Oberstleutnant behindert würde, nach vorn zu gehen und das Boot zu untersuchen. Turner freute sich, daß er auf einmal so leicht und sicher fuhr. Paulsen erklärte das damit, daß wir den Ballast umgelagert, hinten etwas hineingestaut hätten. (Es waren ja auch 2000 Kilogramm verpackt). Der Motor war vorher für das Boot zu stark gewesen und lief jetzt bei größerer Belastung wirklich besser. Der Oberstleutnant saß auf Handgranaten und steuerte, unsere Jungs ließen von ihrer Aufregung nichts merken. Anderntags fuhr sogar der Kriegsminister in eigener Person in unserer »Perle«.

Da ließ eines schönen Tages der Kommandant Paulsen kommen und fragte ihn mißtrauisch: »Wo habt ihr den Schlüssel zur Ankerkette und zur Bootskajüte?« Die Frage wirkte auf Paulsen wie ein Donnerschlag, er mußte alles für verraten halten. In der Tat waren Turner Dinge zu Ohren gekommen. In der Nacht war ein Zettel unter die Tür des Wachthauses geschoben worden, worauf in schlechtem Englisch stand: »Bitte Boot untersuchen. Es ist vollgepackt mit Proviant.« Turner geriet in Aufregung und die Posten wurden verdoppelt. Wir wußten wohl, wer der Lump war.

Alles schien nun verloren. Turner, der ein ruhiges Leben liebte, saß immer etwas in Angst vor der öffentlichen Meinung. Er mußte denen drüben in Auckland zeigen, was er für ein schneidiger Mann wäre, und so wurden auch die Nachtübungen weniger aus Argwohn gegen uns veranstaltet, als um drüben »show« zu machen. In Neuseeland wie in anderen demokratischen Ländern stand häufig die Rücksicht auf die Stimmungen des Publikums über allen anderen Erwägungen.

(Phot. R. Hofmann, Kassel.)