Die Besatzungen der »Cäcilie« und der »Moa« auf der Heimfahrt.
In mein geliebtes Vaterland zurückgekehrt, finde ich so vieles verwandelt vor und anders, als man erhofft hat. Dabei tritt mir immer eins in Erinnerung: Ich denke an meine gute Mutti, wie ich einmal vor ihrem Krankenbett saß, als selbst die Ärzte die Hoffnung aufgegeben hatten. Da kam einem erst zum Bewußtsein, wie lieb man sie hatte. Man sah plötzlich ein, was man versäumt hatte, und was man alles hätte tun sollen. Genau so geht es mir heute, wo ich mein Deutschland so krank vorfinde. Niemals habe ich mein Vaterland so lieb gehabt wie jetzt. Was möchte man alles tun, um helfen zu können! Die Erkenntnis, daß vieles versäumt wurde, erwacht, und der Entschluß, daß jeder an seiner Stelle mitwirke, damit es besser werde. Und so betrachte ich es jetzt als meine Hauptaufgabe, zunächst für meine herrlichen Jungs zu sorgen und zu zeigen, daß man ihr alter Kamerad ist. Wenn man damals auch die Hand war, die sie führte, heute darf man die Hand der Liebe sein, die für sie sorgt. Wenn man den deutschen Landsleuten von ihren Taten erzählt, so werden die Herzen der Hörer aufgeschlossen, und die alte Devise lebt: Einer für alle, alle für einen.
Euch, lieben Landsleute, möchte ich zurufen: Kiekt in de Sünn, un nich in ’t Musloch, wo’ so düster is. Nehmt euch meine Jungs zum Beispiel. Als ihre Heimat auf dem Korallenriff zerschmettert wurde, eins ließ sich nicht zum Wrack schlagen: Ihr alter deutscher Geist und Mut. Wenn auch die paar Planken im Großen Ozean vernichtet wurden und uns diese Heimat bis zum Hals im Wasser stand und keine Hilfe ringsum zu erwarten schien, so war doch der letzte Ruf aus unserm »Seeadler« einstimmig von vorn bis hinten: »De Eikbom, de steit noch!«
Die Waterkant ist verödet, der Engländer macht alle Seeleute brotlos, nimmt uns nicht nur die Schiffe, die wir hatten, sondern wir müssen neue bauen, um sie unsern Zwingherrn abzuliefern. Aber das alles soll uns nicht entmutigen. Baut Schiffe, und tretet alle gerade jetzt erst recht ein in den Flottenverein! Jetzt braucht der Baum Stützen! Jetzt gibt’s nichts mehr zu genießen im Flottenverein, keine Festfeiern, Reden und Lustreisen — aber jetzt gerade soll seine Mitgliederzahl wachsen wie nie zuvor.
Mein Freund, der Geschichtsprofessor Fritz Kern, früher in Kiel und der Marine auch nach ihrem Niederbruch mit seinem Herzen und seiner Feder treu, schrieb mir am Jahrestag von Skagerrak: Das deutsche Volk hat immer durch die tiefsten Wasser waten müssen. Unsere Geschichte ist eine Kette von Zusammenbrüchen und Wiedererhebungen. Auch unser Reich zur See haben wir wie kein anderes Volk immer wieder neu aufbauen müssen. Aber unser Land kann nicht atmen ohne den frischen Anhauch der See; das Volk muß im Kerker vermodern, wenn ihm Türen und Fenster »na See to« künstlich zugesperrt bleiben. Halten wir der See die Treue, gerade jetzt, da ihre Wellen leer und trostlos an die deutsche Küste schlagen! Ihr Ruf an uns tönt fort, und wenn nach der alten Schiffersage, die du mir einmal erzähltest, Gorch Fock und seine Kameraden über dem stählernen Sarg der »Wiesbaden« heute ihre »Musterung auf dem Meeresgrund« abhalten, die gefallenen Sieger, und um sie versammelt die Toten der alten Hansa, dann rauscht es aus der Walhalla der Nordsee zu uns und unsern Kindern herauf wie ein deutsches Gebet: »Seefahrt tut not.«
Unseres Volkes Wohlfahrt wird sich wieder erheben, wenn es einig ist. Niemand hoffe auf Hilfe oder Gnade von außen, aber jeder glaube an den künftigen deutschen Willen und den künftigen deutschen Weg. Wenn unser Volk erst sich selber gefunden hat, dann, ihr jungen Land- und Seeadler, wachsen die Schwingen!
Heute, da alles verloren ging, was uns Seedeutschen die zweite Heimat bedeutete, Schiffe, Kolonien und ein stolzes, freies Gefühl unter der deutschen Flagge auf allen Meeren, ist uns nur eins geblieben, die deutsche Scholle. Möchte aus ihr eine kräftige junge Eiche aufwachsen, die das ganze Volk unter ihrem Schatten vereint! Möchten ihre Schößlinge wieder als Mastbäume auf deutschen Schiffen ragen! Die Sehnsucht nach dem verlorenen Meer weht durch das deutsche Land.
Op Weddersehn!