Ich erhielt einen Brief mit zu dem Direktor in Geestemünde, dort mußte ich mich erst vorstellen. Das war ein reizender Herr, der sich sehr freute, daß ich mein Examen machen wollte. Er könne mir das nachfühlen, nach meiner Krankheit, daß ich schnell in die Prüfung wolle; es werde auch schon gehen, das Examen sei in drei Wochen, ich solle da und dort noch etwas Nachhilfeunterricht nehmen.

Dieser Nachhilfeunterricht förderte mich gut; es wurde dabei gern zusammen eine gemütliche Pulle Rotspon getrunken. Ich war der einzige Trost der Schule, denn der andere war immer in Schweiß gebadet vor lauter vergeblichem Fleiß.

Das Examen nahte. Direktor Prahm und Oberlehrer Neptun, wie wir ihn nannten, hatten die Aufsicht, und ich war wirklich als der erste fertig, und der andere brütete da herum und schmorte. Bei mir stimmte alles, ihm wurde noch ein bißchen unter die Arme gegriffen. Einer mußte durchkommen, das war für die Schule ja nötig, aber schließlich kam der andere auch noch durch. Zuletzt kam das Maschinenexamen. Das war wenig verwickelt und beschränkte sich auf solche Fragen: Womit Dampf erzeugt wird? Durch Hitze. Wie die beiden Rauchkammern vorn und hinten heißen? »Vordere Rauchkammer und hintere Rauchkammer.« »Richtig.« So wurde die Prüfung bestanden, kraftvoll mit dem Lehrer gefeiert, und dann reiste ich stolz nach Hamburg.

Dann fuhr ich bei der Hamburg-Amerika-Linie weiter bis zum Spätjahr 1911. Dann bin ich aktiver Seeoffizier in der Kaiserlichen Marine geworden. Der Anlaß dazu war meine fünfte Lebensrettung, die am Weihnachtsabend dieses Jahres passierte. Ich war bei einer Feier in Hamburg gewesen und komme nachts zurück und will an Bord meines Schiffes, des »Meteor«. Ich stehe auf dem Fährponton und warte auf den Fährdampfer. Neben mir steht ein Zollbeamter. Da sehe ich im trüben Lampenscheine der Hafenbeleuchtung im Wasser einen Kerl treiben und will mich in das Wasser stürzen. Da hält mich der Beamte zurück: »Ist es denn nicht genug, wenn da einer ersäuft?« »Aber ich kann den Menschen doch nicht ertrinken lassen!« »Sie sind wohl ganz verrückt, in das eiskalte Wasser gehen zu wollen. Er hält mich am Überzieher fest, aber ich reiße mich heraus aus dem Überzieher und springe hinunter. Donnerwetter, wie ich in das Wasser komme — es waren 13½ Grad Kälte in der Nacht — war es mir, als wenn mir einer einen glühenden Draht in den Nacken hielte. Ich mußte noch etwa 25 Meter schwimmen, bis ich den Ertrinkenden faßte. Die Kälte und sein Weihnachtsrausch waren sein Glück gewesen, denn er war steif, und wer ruhig im Wasser liegt, der geht nicht so leicht unter. Ich bringe ihn zurück zum Ponton. Das ist aber etwa einen Meter über Wasser, und ich hätte nicht mehr die Kraft gehabt, dort hinaufzukommen, wenn der Zollbeamte mich nicht zu fassen gekriegt und mir herausgeholfen hätte.

»Solch oll dösiger verrückter Kerl,« sagte er, »wenn ich nich west wär, denn wärt ji all beid’ versopen.«

Man brachte mich und meinen Mann (es war der englische Matrose Pearson) in eine Grogstube; da roch es fürchterlich nach Tabak und allem möglichen: es waren nämlich die alten Hoppenmarkt-Löwen gemütlich beim Weihnachtsfeiern. (Hoppenmarkt-Löwen nennt man die Männer, die den Fischweibern die Körbe auf den Markt tragen.) Sie wickelten uns in wollene Decken und pumpten uns einen Grog nach dem andern ein. Ich erholte mich auch wieder und überwand den Schrecken von dem kalten Wasser, desgleichen auch mein Mann, der nun seine zweite Ladung bekam.

Eigentümlich ist es, daß ich beim Retten Ertrinkender beinahe mehr Angst habe als der Ertrinkende selbst. Mein Körper fliegt und zittert, wenn ich jemandem nachspringe. Das Baden im freien Wasser ist mir deshalb förmlich zuwider, weil mir dabei stets die Eindrücke wieder wach werden, die ich beim Retten habe. Es ist mir beim Schwimmen, wie wenn sich einer an einem Leibgericht einmal ordentlich überpräpelt hat; man mag es schließlich nicht mehr. Wenn ich erst einmal im Wasser drin bin, ist mir wieder wohler. Stoße ich aber im Wasser an irgend etwas, so geht es mir durch und durch, und ich denke dabei stets an einen Toten.

Überall stand seit der Weihnachtsgeschichte in den Zeitungen: Hoch klingt das Lied vom braven Mann usw. Es hieß, ich hätte fünf Menschen das Leben gerettet und noch immer nicht die Medaille. Einer von den fünfen war zudem eine bekannte Persönlichkeit. Aber das Bezirkskommando beharrte immer noch bei seinen Zeugen und ich weigerte mich aus reiner Dickköpfigkeit, sie zu beschaffen. Dem »Hamburger Fremdenblatt« verdanke ich es in diesem Zusammenhang, daß ich aktiver Offizier geworden bin. Denn als ich kurz nachher in Kiel eine dreimonatige Reserveoffiziersübung mitmachte, bekam Prinz Heinrich von Preußen von mir zu hören.

Eines Tages erhalte ich eine Order und werde gefragt, ob ich Lust hätte, aktiv zu werden. Ich erwiderte, daß dies mein sehnlichster Wunsch wäre, ich glaubte nur, dafür zu alt zu sein. Darauf wurde mir geantwortet, das sollte ich nicht meine Sache sein lassen. Am 3. Februar 1910 erhielt ich ein Telegramm des Inhalts: Graf Luckner kommandiert zur Marine zwecks späterer Aktivierung. Was war ich glücklich; Welt, was bist du schön!

Jetzt galt es zu arbeiten: Ich mußte ja nachholen, was Seekadetten und Fähnriche sonst in 3½ Jahren lernen.