Aus Nervosität begab ich mich ins Café, das ich schon längere Zeit hindurch vernachlässigt hatte, und diesmal tat mir selbst der Anblick der Kappadozischen und ihres jungen Dichters wohl. Ich fühlte beinah Sympathie für die beiden und schilderte ihnen meine Unterredung mit dem alten Herren, in dem stolzen Gefühl, für die heidnische Bewegung eine Lanze gebrochen zu haben. Aber der Dichter mißbilligte es, daß ich mich darauf eingelassen. Wer an großen Dingen teilnehmen dürfe, der müsse auch darüber zu schweigen wissen.
Doktor Gerhard, der ebenfalls zugegen war, verteidigte mich und meinte, man habe doch gerade zu diesem Fest alle möglichen Fernstehenden eingeladen, von denen keine innere Beteiligung zu erwarten wäre, und die dann vielleicht derartige Gerüchte verbreiteten.
»Die Auswahl der Gäste bleibt wohl stets dem Gastgeber überlassen,« bemerkte der Jüngling ablehnend und zupfte an seiner kultlichen Krawatte.
»Gewiß,« gab ich zu, »ich bitte mich nicht mißzuverstehen, – ich halte es eben für korrekt, bei jeder Gelegenheit für das Haus meiner Gastgeber einzutreten.«
Er zuckte die Achseln: »Es tut mir leid, Herr Dame, aber auf studentische Ehrenstandpunkte vermag ich leider nicht einzugehen. Diese gehören der Welt des Fortschritts an, mit der wir jede Beziehung ablehnen.«
»Ich hoffe, die Herren werden sich über diese Frage nicht in die Haare geraten,« sagte Doktor Gerhard mit milder Ironie. Der Dichter lächelte herbe und hüllte sich dann in Schweigen. Die kappadozische Dame dagegen war sehr liebenswürdig, sie estimiert mich anscheinend, seit ich die Panflöte geblasen habe, und fragte, wie ich darauf gekommen sei. Ich erzählte, daß Delius uns alle beraten, und wie er sich dann verabschiedet habe, um kosmische Urschauer zu erleben. Dabei fühlte ich, wie ich immer mehr in ihrer Achtung stieg, auch der Dichter wurde wieder zugänglicher.
»Delius hat uns neulich eine sehr bedeutungsvolle Begebenheit erzählt,« sagte er, »– er war vor einigen Jahren in Rom –«
»Ich denke, Herr Delius ist immer in Rom,« warf Gerhard ein. Der Dichter ignorierte ihn, und die Kappadozische suchte zu vermitteln: »Es ist hier wohl von dem wirklichen Rom die Rede.«
»Gibt es ein wirkliches und ein unwirkliches Rom?« fragte der junge Mann bitter, »– ich meinte allerdings jene italienische Stadt, die heute noch Rom genannt wird; aber gerade, was Delius dort erlebte, zeigt, daß immer wieder der leere Schein für Wirklichkeit gehalten wird und tiefstes Erleben für unwahrscheinlich gelten mag. – Ihm, Delius, mußte das moderne Treiben an dieser Stätte wohl vor allem verhaßt sein, und so beschloß er, seine Mahlzeiten nach altrömischem Brauch einzunehmen. Er kaufte daher Wein und Früchte und begab sich zur Mittagzeit, wo alles ruhte, in die Campagna. Dort breitete er seine Vorräte auf dem Boden aus, flehte den Segen der Götter auf sich und sein Mahl herab und wollte eben damit beginnen, als dicht hinter ihm ein entsetzliches Gebrüll ertönte und ein ungeheures ziegenbockähnliches Tier mit ellenlangem, bis auf die Erde herabhängendem Bart auf ihn zustürmte. Entsetzt ergriff er die Flucht, denn es schien ihm wohl möglich, daß ein böser Dämon sein Spiel mit ihm treiben wolle. Und als er nach einer Weile wieder zurückkehrte, fand er nur noch das zertrümmerte Weingefäß am Boden, alles andere, auch das Ungeheuer, war spurlos verschwunden. – Ihr Lächeln ist nicht am Platz, Doktor – es wurde später dahin aufgeklärt, daß gerade unter der Stelle, wo er verweilt hatte, sich ein altes Grab befand – –«
»Sagte nicht jemand, es könne vielleicht der große Pan selbst gewesen sein?« fragte die kappadozische Dame eifrig, aber der Dichter warf ihr einen strafenden Blick zu und sagte mit großer Bestimmtheit: »Darüber ist mir nichts bekannt«.