Das mit den Tischen, die fliegen, hat noch eine besondere Bewandtnis, die einstweilen als tiefes Geheimnis behandelt wird. Übrigens gehört auch das zu der eigentümlichen Atmosphäre unseres Vororts: vieles ist Geheimnis, und noch viel mehr wird als solches angesehen, trotzdem alle darum wissen. Die Geheimnisse schwirren gleichsam in der Luft herum, aber sie offenbaren sich nur dem, der sie zu erkennen versteht.
Ich glaubte immer, ein diskreter Mensch zu sein, aber jetzt erst habe ich begriffen, daß es noch eine Hohe Schule der Diskretion gibt, – eine wunderbare Technik, Dinge, die vielleicht schon in aller Leute Mund sind, durch plötzliches Verstummen in undurchdringliche Schleier zu hüllen und dadurch als Geheimnis zu kennzeichnen. Wie irrig ist die übliche Anschauung, nur das absolut Verschwiegene sei Geheimnis. Was niemand weiß, ist ein Nichts, ist überhaupt nicht vorhanden; und nur die Art, wie man ein Gewußtes je nachdem offenbart oder wieder verhüllt, macht es zum wahren Geheimnis.
So weiß auch ich, der noch keine Weihen empfangen hat (so nennt man es hier, – es sind damit keine äußeren Zeremonien gemeint, sondern ein bestimmter Grad von innerer Beschaffenheit), so weiß auch ich zwei Dinge, die dem Bereich der Wahnmochinger Geheimnisse angehören.
Das eine ist, daß man damit umgeht, eine heidnische Kolonie zu gründen. Ich verstehe sehr gut, warum man diesen Plan geheim hält, vor allem wohl, um nicht mit manchen scheinbar ähnlichen Unternehmungen verwechselt oder auch nur verglichen zu werden. Ich verstehe auch, welche Tragik darin läge, einfach für Weltverbesserer, Religionsstifter oder dergleichen zu gelten, wo es sich doch um viel Tieferes handelt. Man wünscht deshalb auch nicht, daß sich viele dazu herandrängen, und die Auslese wird aufs strengste gehandhabt. Meine verschwiegene Hoffnung geht dahin, daß unter den Wenigen auch ich für würdig befunden werde.
Und das andere, worauf auch des Professors Wort über die fliegenden Tische hindeutete, – dieses andere mag wohl dem gemeinen Menschenverstand unfaßlich klingen. – Die geistigen Führer Wahnmochings – Hofmann, Delius und Hallwig – oder sind es in diesem Falle nur Hofmann und Hallwig? – das könnte ich verwechselt haben –, kurzum, es verlautet, daß sie Geheimnisse von unabsehbarer Tragweite entdeckt haben und dadurch in der Beherrschung gewisser innerer Kräfte so weit vordringen, daß sie über kurz oder lang in der Lage sein werden, zu zaubern, – wirklich und wahrhaftig zu zaubern. Nicht etwa im landläufigen Sinne Magie zu treiben, die sich doch eben nur mit Einzelgeistern beschäftigt, – und das ist ein großer Unterschied.
Man erklärte es mir etwa so: gelingt es einem, sich durch ein mystisches Verfahren – ich glaube durch absolute Selbstversenkung in das kosmische Urprinzip – dergestalt zu läutern, daß auch die geringsten Bestandteile von Molochitischem gebannt werden, – gelingt es ihm, die kosmische Ursubstanz in sich allmächtig zu machen, so daß sie sein Wesen vollkommen durchdringt, – nun so wird eben er selbst allmächtig, – und wer allmächtig ist, kann zaubern. Es gehört noch dazu, daß in seiner Umgebung starke kosmische Substanzen vorhanden sind, – und ja keine molochitischen, die eben doch irgendwie auf ihn einwirken und jenes Verfahren beeinträchtigen könnten. – Daher Hallwigs große Zurückhaltung im Verkehr, – er will nicht mit Belanglosen in Berührung kommen. Denn der Belanglose hat keine oder nur geringe kosmische Substanz und ist dem Molochitischen leicht zugänglich.
Anmerkung
Wir sind hier an einem der Punkte angelangt, verehrter Freund, die vielleicht eines Kommentars bedürfen – ob nämlich die Zauberhoffnungen Wahnmochings, beziehungsweise deren Erfüllung wirklich im Bereich des Möglichen lagen. Sicher wird das Publikum die berechtigte Anforderung erheben, darüber aufgeklärt zu werden. Uns selbst schien es anfangs sehr zweifelhaft, aber als wir zu Ende gelesen hatten, fühlten wir uns doch geneigt, die Frage mit: Ja, oder: Höchstwahrscheinlich – zu beantworten. Sie werden ja auch sehen, daß die bedeutendsten Köpfe jenes Stadtteils einmütig daran glaubten.
Trotzdem ziehen wir es vor, unsere Ansicht darüber von der Ihrigen abhängig zu machen.
Ja, – da wird es wohl begreiflich, daß so oft von Zeiten gesprochen wird, denen wir entgegengehen. – Zeiten, in welchen es gleichgültig sein wird, ob Schiffe fliegen oder ob Tische fliegen, – begreiflich, daß die Atmosphäre unseres Vorortes mit gewaltigen Spannungen geladen ist. Man feiert Feste – man rast und taumelt – man lacht und plaudert, kost mit schönen Frauen, und dazwischen wieder kreisen gewitterschwere Geheimnisse, weben mystische Erleuchtungen über »letzte, äußerste, ungeheure Dinge«. (So sagt man hier.)