"Nélaton ist vollkommen zufrieden und beruhigt, Sire," erwiederte Dr. Conneau, "und er hofft, daß Ew. Majestät für lange Zeit Ruhe haben werden; es sind durchaus keine bedenklichen Symptome vorhanden und ich hoffe durch innere Mittel sehr wirksam eingreifen zu können."
"Oh, mein alter Freund," sagte der Kaiser mit traurigem Ton, "Sie glauben nicht wie sehr ich leide. Meine Natur kann eine einmalige gewaltsame Erschütterung leicht überwinden, aber diese fortwährenden kleinen Schmerzen zerrütten mein Nervensystem, untergraben meine Willenskraft und machen mich zuweilen vollständig unfähig zu denken und zu handeln."
"Ich bitte Ew. Majestät inständigst," erwiderte Dr. Conneau, "sich in diesen so erklärlichen und natürlichen Gefühlen nicht gehen zu lassen. Ew. Majestät so reizbare Natur wird mehr als eine andre Organisation durch die Wiederholung kleiner und peinlicher beiden angegriffen; aber Ew. Majestät," sprach er ernst mit volltönender Stimme, "sind mehr als andere Menschen. Ew. Majestät großer Geist muß die kleinen beiden überwinden um die großen Aufgaben Ihrer Stellung erfüllen zu können und je mehr Ew. Majestät die Kraft Ihres Willens anstrengen, um so mehr werden jene kleinen Leiden sich vermindern, um so sicherer hoffe ich auf Ihre endliche, vollständige Wiederherstellung."
Der Kaiser schüttelte langsam und traurig den Kopf. "Die großen Aufgaben meiner Stellung!" sprach er mit matter Stimme—"das ist es ja eben, was mich so niederdrückt und lähmt—daß die Maschine den Dienst versagt, um das ausführen zu können was nothwendig geschehen muß; ja, daß sogar oft die Klarheit des Erkennens dessen was nothwendig ist mir schwindet. Wäre ich einer jener legitimen Könige, die ruhig auf ihrem Thron sitzen, die denselben sicher und unangefochten ihrem Nachfolger überlassen können—oh, dann würde ich ruhig alle diese Leiden und Schmerzen ertragen. Ich fürchte wahrlich den Tod nicht—fast möchte ich ihn zuweilen wünschen, denn die Genüsse und Freuden des Lebens sind für mich—beendet; aber, mein Gott," rief er händeringend, "ich darf ja nicht nur an mich und mein Leben denken, ich muß sorgen für die Zeit die nach mir kommt; ich muß meinem Sohn das Erbe sichern, für dessen Erwerbung mein großer Oheim seine Riesenkraft eingesetzt hat und für welches ich in mühsamer Arbeit die Tätigkeit meines ganzen Lebens angestrengt habe und nun gerade, da ich diese letzte Aufgabe meiner irdischen Laufbahn erfüllen will und erfüllen muß, geht mir die Kraft aus und wenn dieser elende Körper zusammenbricht, so wird das stolze Gebäude in Trümmer fallen, welches ich aufgerichtet und dieses Frankreich, das ich so sehr liebe, für das ich gestrebt und gearbeitet habe so lange Jahre hindurch, es wird wieder zurücksinken in unruhige Zerrüttung; Ohnmacht und Elend wird die Folge davon sein."
"Aber, mein Gott, Sire," sagte Dr. Conneau, "warum diese schwarzen Gedanken? Die Macht des Kaiserreichs steht fest begründet im Innern und hoch geachtet nach Außen da. Es giebt vielleicht unter den alten legitimen Monarchieen so manche, welche nicht auf so sichern und unerschütterlichen Fundamenten ruht als der Thron Ew. Majestät und wenn der kaiserliche Prinz—was Gott noch lange verhüten möge, dereinst berufen sein wird jenen Thron zu besteigen, so wird er ein nach allen Richtungen hin vollendetes, großartiges Werk vorfinden, dessen natürliche Weiterentwickelung er nur fortsetzen und leiten darf. Ew. Majestät Werk ist wahrlich größer als das Ihres Oheims, denn die Schöpfungen jenes Riesengeistes stützten sich doch immer nur auf die Spitze seines Degens, während Ew. Majestät Bau breit und ruhig auf der Wohlfahrt des ganzen Volkes ruht."
Der Kaiser schüttelte abermals den Kopf.
"Auch Sie, mein alter Freund," sagte er, "täuscht der Schein—oder Sie wollen mich beruhigen und mir das Vertrauen auf die Zukunft wiedergeben, das ich immer mehr verliere.
"Ich selbst," sagte er nach einem tiefen Athemzuge, indem es wie leichte Nachwehen nervöser Schmerzen über sein Gesicht zuckte—"ich selbst kann besser wie jeder Andere die Schwächen dieses Kaiserreichs erkennen, das ich selbst erbaut und so lange Zeit aufrecht erhalten habe.
"Fest begründet im Innern, sagen Sie, stehe mein Reich da?—Und dennoch wogt und gährt es in dieser so leicht beweglichen Pariser Bevölkerung—ich kenne sie genau die Vorzeichen der revolutionairen Stürme und ich sehe sie deutlich in der heutigen Bewegung des öffentlichen Lebens."
Dr. Conneau lächelte.