"Es sind viele Aenderungen in der Verfassung und in der Gesetzgebung des Kaiserreichs vorgenommen, Grund genug um das Volk zusammenzuberufen und durch ein Plebiscit alle diese Aenderungen gut heißen zu lassen; ein solches Plebiscit wird dann zugleich auch von Neuem beweisen, daß das ganze Volk noch ebenso wie beim Beginn des Kaiserreichs hinter Eurer Majestät, Ihrer Regierung und Ihrer Dynastie steht. Vor einer solchen mächtigen Kundgebung der ganzen Nation wird jenes Gaukelspiel parlamentarischen Scheinlebens, in welchem die orleanistische Doctrin ihre Ausführung und die orleanistische Agitation ihren Halt findet, verschwinden."
Der Kaiser hob den Kopf empor, seine Augen öffneten sich groß und weit und ein stolzes und freudiges Lächeln spielte um seine Lippen.
"Sie haben Recht, mein Freund," sagte er mit leuchtendem Blick—"Sie haben Recht. Ihr Gedanke ist ebenso einfach als groß und wahr; ich habe neue Stützen, sichere Garantien für die Zukunft meiner Dynastie und für den Thron meines Sohnes gesucht, Sie zeigen mir den Weg, auf dem ich sie allein finden kann; Sie zeigen mir die breite und ewig feste Grundlage meines Reiches, diese Grundlage, welche mein großer Oheim verlassen hat und von welcher ich ebenfalls im Begriff war mich ablenken zu lassen. Ich danke Ihnen," fügte er mit unendlich liebenswürdigem Ausdruck hinzu, "Sie haben mir in dieser Stunde einen großen Dienst geleistet, Sie haben Klarheit in die Ideen gebracht, die in meinem Geiste hin und her wogten und sobald die Klarheit der Erkenntniß da ist, läßt auch die Entschiedenheit des Handelns nicht auf sich warten.
"Ich werde meine Entschlüsse über die formelle Ausführung des Gedankens, den Sie mir so klar entwickelt haben, zur Reife bringen und den Ministern durch Ollivier mittheilen lassen."
"Wenn Eure Majestät diesen Schritt thun," sprach Clément Duvernois, "so wird sich auch die wahre Stellung der Personen deutlich erkennen lassen; diejenigen Ihrer Räthe, welche wirklich das volksthümliche Kaiserreich unterstützen, stärken und erhalten wollen, werden, wie ich überzeugt bin, mit Freuden auf dem Wege vorgehen, den Eure Majestät beschreiten wollen, diejenigen aber, welche den Doctrinen Ihrer Feinde dienen, werden verschwinden.
"Glauben Sie mir, Sire, die Probe wird zur Klarheit führen und wenn," fügte er mit dem Anklang leisen Vorwurfs hinzu, "Eure Majestät Ihre alten Freunde verloren haben, so werden Sie sich überzeugen, daß auf der richtigen und wahrhaft großen Basis neue und ebenso treue Freunde Ihnen erstehen werden."
Der Kaiser streckte Herrn Duvernois mit anmuthiger Bewegung die Hand hin und sprach:
"Davon, mein lieber Freund, habe ich mich schon in diesem Augenblick überzeugt. Sie haben mir den Beweis gegeben, daß ich noch über Hingebung und Vertrauen gebieten kann, Sie haben mir ohne Furcht und Rückhalt die Wahrheit gesagt.
"Doch," fuhr er nach einer kurzen Pause fort, "ich möchte noch über einen Punkt Ihre Meinung hören.
"Sie wissen," sprach er langsam seinen Schnurrbart drehend, "daß das nationale Gefühl in Frankreich durch die preußischen Siege, durch die Herstellung des mächtigen preußischen Uebergewichts in Deutschland tief verletzt ist; der militairische Ruhm und das militairische Uebergewicht Frankreichs in Europa ist gewissermaßen eine Lebensbedingung einer Regierung, welche den Namen Napoleon führt und auf die Traditionen des großen Kaisers gestützt ist. Man räth mir von vielen Seiten und zwar von Seiten, deren Interesse an meiner Regierung nicht bezweifelt werden kann—die schwüle Luft, welche über Europa liegt, durch einen kräftigen Wetterstrahl zu klären und die militairische Stellung des napoleonischen Frankreichs wieder herzustellen."