"Wie mir der Fürst Metternich mittheilt," sagte er dann im ruhigen Conversationston, "beobachtet Herr Nigra dieser ganzen Sache gegenüber eine sehr vorsichtige, fast kalte Zurückhaltung, und vom hiesigen Vertreter Italiens ist mir noch nicht die leiseste Andeutung darüber geworden."

"Bei den eigentümlichen Verhältnissen," erwiderte der Herzog, "welche zwischen Oesterreich und Italien bestehen und bei den peinlichen Erinnerungen aus nicht zu langer vergangener Zeit scheint es mir, daß eine Annäherung zwischen beiden Mächten, namentlich eine Annäherung mit bestimmten Zielen, mit formulirten Alliancebedingungen schwer durch direkten Verkehr hergestellt werden könne.—Auch giebt es Propositionen, die man auf direktem Wege nicht eher machen kann, als bis man sicher ist, daß sie angenommen werden. Unter solchen Verhältnissen scheint mir eine vorläufige, nicht officielle und zunächst nur sondirende Verhandlung durch die Natur der Dinge angezeigt zu sein, und für eine solche Verhandlung könnte dann auch der neutrale Boden eines den beiden Mächten befreundeten Hofes das richtige Terrain werden.—Jedenfalls glaube ich annehmen zu dürfen, daß der General Türr in eine solche Negotiation nicht eintreten würde, wenn er nicht der vollen persönlichen Zustimmung des Königs Victor Emanuel sicher wäre."—

"Und wie denkt der Kaiser Napoleon über die ganze Sache," fragte Graf
Beust rasch und bestimmt.

"Sie können natürlich nicht voraussetzen, mein lieber Graf," erwiderte der Herzog mit vollkommener Ruhe, "daß ich Instructionen habe, mich über die Absichten auszusprechen, welche Seine Majestät in Betreff einer Sache hegt, die das Gebiet officieller Unterhandlungen noch nicht berührt hat.—Wenn ich also Ihre Frage beantworte, so kann ich selbstverständlich nur eine ganz persönliche Meinung äußern, welche sich auf die Kenntniß stützt, die ich von den Anschauungen meines Souverains über die politischen Fragen gewonnen zu haben glaube."

Graf Beust verneigte sich leicht. Ein feines Lächeln spielte eine
Secunde um seine Lippen, dann richtete er den Blick mit erwartungsvoller
Aufmerksamkeit auf den Herzog.

"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte dieser, "daß die Verhältnisse in Europa sich fortwährend in einer Spannung befinden, welche eine energische Action von einem Augenblick zum andern möglich erscheinen läßt. Wir haben uns früher bereits mehrfach über derartige Eventualitäten unterhalten, und seit der Zusammenkunft in Salzburg sind wir stets darin übereingekommen, daß die Interessen Frankreichs und Oesterreichs allen schwebenden politischen Fragen gegenüber die gleichen sind.—Wir sind ferner, wie Sie auch vorhin betonten, darin übereingekommen, daß Italien das notwendige Mittel- und Verbindungsglied für das Zusammenwirken Frankreichs und Oesterreichs bildet.—Von diesen Prämissen ausgehend," fuhr er fort, während Herr von Beust schweigend zuhörte, "würde ich nun den Abschluß eines Vertrages, welcher für mögliche Fälle die Cooperation Italiens sichert und regelt, als einen großen Gewinn betrachten müssen.—Der König Victor Emanuel ist zu einer solchen Cooperation durchaus geneigt, doch ist er nicht in der Lage, dieselbe eintreten zu lassen, wenn er nicht zu gleicher Zeit dem italienischen Volk einen nationalen Gewinn dafür versprechen kann. Die vollständige Arrondirung in den nationalen Grenzen nach dem Norden hin würde ein solcher Gewinn sein—um dieses Gewinns willen würde das italienische Volk sich bestimmen lassen, auf Rom zu verzichten, wenigstens so lange zu verzichten, bis vielleicht unter einem künftigen Pontificat ein Modus gefunden werden kann, welcher die heute sich noch unversöhnlich gegenüber stehenden Interessen vereinigt. Mit einem Wort, Italien hat noch zwei Forderungen zu stellen, die eine ist Rom, welche man von uns verlangt, die andere das italienische Tyrol, welches Oesterreich zu gewähren im Stande ist.—Wir können in diesem Augenblick Rom nicht Preis geben.—Ihre Sache ist es, zu beurtheilen, ob das Opfer eines nicht bedeutenden Gebiets, welches nur die weitere ergänzende Ausführung eines einmal anerkannten Princips bildet, Ihnen der Wichtigkeit einer festen italienischen Alliance entsprechend erscheint.—Nach meiner persönlichen Auffassung," fuhr er fort, "würde dieses Opfer nicht groß sein und es würde sich im Falle einer erfolgreichen Action, an deren glücklichen Ausgang nicht zu zweifeln sein möchte, durch weit größere und weit bedeutendere Vortheile und durch die Wiedergewinnung der ganzen alten österreichischen Macht nach anderer Richtung hin ersetzen lassen.—Frankreich hat dasselbe Interesse wie Oesterreich, daß die Coalition mit Italien zu Stande komme; wenn Sie sich also zu jenem Opfer würden entschließen können, so würden Sie, wie ich glaube, nicht nur in Ihrem eigenen Interesse handeln, sondern auch Frankreich einen sehr großen und sehr wichtigen Dienst leisten, für den eine richtige französische Politik, eine Politik, wie sie den Ideen des Kaisers so vollkommen entspricht, ihre Dankbarkeit zu bethätigen nicht unterlassen könnte."

"Eine Coalition auf der Basis," erwiderte Herr von Beust in einem beinahe gleichgültigen Ton, "wie sie in diesem Augenblick in Paris discutirt wird mit so bestimmt formulirten Bedingungen, würde ihre Bedeutung doch immer wesentlich nur im Augenblick einer wirklich kriegerischen Action haben. Ganz abgesehen von der Frage," fuhr er fort, "ob in einem solchen Augenblick das italienische Volk geneigt sein würde, die Abmachungen des königlichen Cabinets gut zu heißen, müßte man sich doch, bevor man auf die Discutirung der Details ernstlich einginge, klar machen, ob denn eine militairische Action zweckmäßig und nothwendig—und ob sie mit Aussicht auf Erfolg ausführbar sei. Ich meines Orts sehe die Nothwendigkeit nicht, denn es ist in diesem Augenblick keine Veränderung der seit Jahren bestehenden europäischen Verhältnisse eingetreten.—Ich vermag die Zweckmäßigkeit nicht anzuerkennen, denn ich sehe keinen vorbereiteten—oder möglicher Weise zu schaffenden—vernünftigen Kriegsfall, und endlich kann ich die Aussicht auf einen siegreichen Erfolg mit meiner Anschauung der Verhältnisse nicht vereinen. Die Macht des Norddeutschen Bundes ist ungeheuer stark und scharf concentrirt und auf alle Eventualitäten täglich und stündlich vorbereite. Die süddeutschen Staaten sind schwankend und haltlos, dabei militairisch kaum gerüstet und bei uns in Oesterreich—Sie wissen, Herr Herzog, mit welchen innern Schwierigkeiten wir zu kämpfen haben, und wie unendlich langsam aus financiellen Gründen schon die Reorganisation unserer Armee vorschreitet. Wir haben neben uns Rußland, dem wir nicht gewachsen sind—"

"Dem Sie aber doch," fiel der Herzog von Grammont ein, "zweifellos die Spitze zu bieten im Stande wären, wenn nicht nur Ihre italienischen Grenzen vollkommen frei würden, sondern wenn wie der proponirte Tractat bestimmt, Italien für den Fall der russischen Intervention seine active militairische Hülfe verspricht."

"Wenn ich auch," sprach Herr von Beust in einem Ton, als discutire er eine ihm der Zeit und dem Inhalt nach völlig fern liegende Frage, "wenn ich auch annehme, daß jene Versprechen im entscheidenden Augenblick wirklich gehalten würden, wofür—ich muß es wiederholen—immer schwer eine Garantie gefunden werden zu können scheint, so glaube ich doch nicht, daß Oesterreich im Stande ist, selbst mit der Hülfe Italiens einen Kampf mit Rußland und die Aussicht auf eine spätere unversöhnliche Feindschaft Preußens und Deutschlands auf sich zu nehmen. Für den Fall, daß diese neu erstandene gewaltige Militairmacht aus diesem Conflict siegreich hervorgehen sollte—"

"Siegreich hervorgehen?" rief der Herzog von Grammont mit dem Ton eines naiven Erstaunens, indem er seinen kleinen Schnurrbart emporkräuselte,—"siegreich hervorgehen aus einem Kampf mit Frankreich!?—ich bin zu sehr Franzose," fuhr er fort, "um an eine solche Möglichkeit auch nur einen Augenblick zu glauben."