"Sie müssen natürlich," sagte der Herzog mit einem Anklang von Kälte in dem höflichen Ton seiner Stimme, "Sie müssen dies natürlich besser beurtheilen können als ich. Jedenfalls sind Sie zu dem Urtheil, welche Haltung Oesterreich zu beobachten habe, berufener als ich. Doch kann ich die Bemerkung nicht unterdrücken, daß eine Zurückhaltung, wie Sie dieselbe so eben als die Aufgabe der österreichischen Politik dargestellt haben, nach meiner Ueberzeugung leicht dahin führen könnte, daß Oesterreich sich eines Tages isolirt sähe, und diese Isolirung könnte unter Umständen gefährlich werden. Da, wie Sie selbst constatirt haben, die Interessen Frankreichs und Oesterreichs sich in den politischen Fragen fast überall decken, so möchte es mir nicht ganz unbedenklich für Oesterreich erscheinen, sich gerade von der Macht zu trennen, mit welcher Sie die gemeinsamen Interessen verbinden."
"Ich habe," erwiderte Herr von Beust, "nicht im Entferntesten an die Möglichkeit gedacht oder dieselbe aussprechen wollen, daß Frankreich sich jemals von Oesterreich trennen könne.—Eine solche Trennung," fuhr er mit feiner und scharfer Betonung fort, "könnte jedenfalls nur dann möglich werden, wenn die französische Politik jemals Wege betreten sollte, in welchen die gegenwärtig zu meiner so innigen Genugthuung bestehende Gemeinsamkeit der Anschauungen und Interessen alterirt würde—ein solcher Fall scheint mir undenkbar und jedenfalls," fügte er im leichten Ton mit einem flüchtigen Lächeln hinzu, "tauschen wir ja in diesem Augenblick auch nur unsere ganz persönlichen Ansichten über Fälle aus, deren Eintritt kaum zu erwarten sein dürfte."
Der Herzog erhob sich.
"Es scheint," sagte er, das bisherige Gespräch abbrechend, "daß der König von Hannover die Legion auflösen will, die er bisher in Paris gehalten hat. Graf Platen hat mir Etwas davon gesagt. Ich muß aufrichtig bekennen, daß ich eigentlich recht damit zufrieden bin. Ich habe große Sympathien für den unglücklichen König und hohe Verehrung vor seinen persönlichen Eigenschaften. Doch glaube ich nicht, daß er auf dem bisher befolgten Wege etwas Anderes erreichen kann, als seine schon ohnehin beschränkten Mittel immer mehr zu vermindern und sich dadurch die Möglichkeit später Etwas für seine Sache und sein Haus zu thun, immer schwieriger zu machen."
"Man schien früher in Paris der Ansicht zu sein," sagte Graf Beust, "daß diese hannöversche Emigration unter Umständen eine nützliche Handhabe werden könne, um einem möglichen Conflict mit Preußen den nationalen Charakter zu nehmen."
"Ich bin dieser Ansicht nicht," sagte der Herzog, "die wenigen Emigranten in Frankreich würden weder der Sache des Königs, noch uns nützen können; ob für den Fall des Zusammenbrechens der Schöpfung von 1866 Etwas für den König geschehen könne, das wird immer davon abhängen, wie sich das ganze Volk in Hannover und wie sich das übrige Deutschland zu seiner Sache verhalten wird.—Was Frankreich betrifft, so stehe ich auf dem Standpunkt, daß wenn wir uns jemals zu einer ernsten Action entschließen, wir auf alle kleinen Hülfsmittel verzichten und uns ganz ausschließlich auf unsere eigene nationale Kraft und auf diejenigen Alliirten verlassen müssen, welche wir, wie ich hoffe, in einem solchen Fall unter den mit uns befreundeten europäischen Mächten dennoch finden werden," fügte er mit einem lächelnden Blick auf den Grafen Beust hinzu, indem er ihm die Hand zum Abschied drückte.
Der Reichskanzler begleitete ihn bis zur Thür und kehrte dann nachdenklich zu seinem Schreibtisch zurück.
"Es geht Etwas vor," sagte er. "Der Kaiser Napoleon ist für den Frieden, schon weil er alle Unruhe und körperliche Anstrengungen scheut. Metternich schreibt mir dies ganz bestimmt, und Metternich täuscht sich darin nicht. Aber dieser alternde Imperator befindet sich mehr als je unter der Herrschaft seiner Umgebung. Und die Kaiserin Eugenie möchte für sich die Rolle der Maria von Medicis vorbereiten. Nun," rief er, "wenn man dort Abenteuer in der Politik machen will, so mag man es auf eigene Gefahr thun. Ich werde meine Schöpfungen in Oesterreich nicht den Zufälligkeiten einer unüberlegten und unvorbereiteten Action aussetzen."
Der Bureaudiener meldete den Staatsrath Klindworth.
Etwas erstaunt blickte Herr von Beust auf.