"General Changarnier und der Herzog von Broglie," rief der Kammerdiener in den Salon und neben einander traten der Repräsentant des alten französischen Adelsgeschlechts in seiner vornehmen, eleganten Haltung und der greise General des Julikönigthums herein.

General Changarnier war trotz seiner vom Alter gebrochenen Haltung eine etwas noch militairisch kräftige Erscheinung. Der Ausdruck seines ernsten würdevollen Gesichts mit dem weißen Bart und Haar war einfache natürliche Offenheit,—seine klaren, etwas tief liegenden Augen blickten ruhig und nachdenklich, seine Bewegungen waren von schlichtester und ungesuchtester Natürlichkeit.

Die beiden Eintretenden wandten sich nach dem zweiten Salon.

Herr Thiers hatte bei der Nennung ihrer Namen leicht mit den Augen geblinzelt, dann dieselben ganz geöffnet und sich von seinem Stuhl erhoben. Sein Gesicht nahm sofort die demselben eigentümliche ausdrucksvolle Beweglichkeit an,—mit schnellen Schritten näherte er sich der Eingangsthür und begrüßte mit vertraulicher Herzlichkeit den Herzog und den General, welche darauf den Damen des Hauses ihre Complimente machten.

Der Herzog von Broglie setzte sich neben Madame Thiers, während deren Gemahl seine Hand leicht auf den Arm des Generals Changarnier legte, und indem er von unten zu demselben hinaussah, mit seiner ausdrucksvollen, etwas scharfen Stimme sprach:

"Ich habe Sie lange nicht gesehen, mein alter Freund, Sie machen sich selten, das ist nicht gut. Man wird alt, wenn man sich von der Gesellschaft zurückzieht."

"Ich habe nicht nöthig, alt zu werden," sagte der General einfach, "ich bin es schon und habe kaum eine Gemeinschaft mit der heutigen Welt mehr. Mein Leben liegt in der Erinnerung an die Vergangenheit."

"Sie haben Unrecht, mein Freund," erwiderte Herr Thiers, "man gehört immer dem Leben und der Gegenwart an, so lange man athmet. Die Erinnerungen sind nur dazu da, um uns die Gegenwart besser verstehen zu lassen. Darin liegt das Uebergewicht, welches ein alter Kopf über die gegenwärtige Generation hat, wenn er eben nur durch die Jugendfrische des Herzens und der Empfindungen unterstützt ist."

"Dazu gehören aber auch," sagte der General seufzend, "gesunde Nerven und ein gesunder Magen. Beides habe ich nicht in dem Maße wie Sie."—

"Weil Sie daran denken," rief Herr Thiers, "wenn man nie an die Krankheit denkt, so räumt man ihr keine Macht über uns ein. Unser schlimmster Feind ist die Unthätigkeit.—Ich habe mich immer durch die Thätigkeit jung und frisch erhalten; nachdem ich aufgehört habe Staatsmann zu sein, bin ich wieder Schriftsteller geworden. Und dadurch halte ich mich im Stande," fügte er lächelnd hinzu, "wenn es einmal nöthig sein sollte, wieder Staatsmann zu werden."