"Ich muß gestehen," sagte er, "daß dies nicht eins der ungeschicktesten Manöver dieses Herrn Napoleon war.—Man hat sich überhaupt in ihm getäuscht.—Nun mag dem sein, wie ihm wolle, will er sich bekehren, will er in Frankreich gut regieren—und ich werde mich nicht nach den Worten, sondern nach den Thaten richten—so muß man ihn doch unterstützen. Für Sie würde das übrigens viel leichter sein," fuhr er fort, "ein General kann bei den Diensten, die er seinem Vaterlande leistet, viel mehr von der Person des zeitweiligen Herrschers absehen, als ein Minister. Auf dem Schlachtfelde handelt es sich doch immer mehr um die Ehre und um den Ruhm Frankreichs, als um dieses oder jenes politische System."

"Auf dem Schlachtfelde," sagte der General achselzuckend, "davon wird wohl lange nicht bei uns die Rede sein. Wir haben unsere Kräfte in wahnsinnigen und fruchtlosen Expeditionen vergeudet, und da, wo unsere Interessen und unsere Ehre uns wirklich geboten zu schlagen, haben wir in muthloser und schwankender Unthätigkeit zugesehen, wie man ohne uns das europäische Gleichgewicht veränderte."

"Das ist richtig," sagte Herr Thiers ernst, "aber der Fehler, den die Regierung begangen hat, wird sich rächen, und zwar rächen durch einen Krieg, der um so gewaltiger und erschütternder sein wird, je mehr man ihn zur Zeit, da er vernünftiger Weise geboten war, unterlassen hat. Die Regierung des Kaisers," fuhr er fort, indem er die Arme unter einander schlug und ein wenig in dem Ton eines politischen Vortrages weiter sprach, "die Regierung des Kaisers hat uns in einen sehr bedenklichen Zustand versetzt. Es war eine Regierung ohne Regel und ohne Ordnung. Der Brief des Kaisers an den Herzog von Augustenburg hat Dänemark, unsern Alliirten, getödtet und Europa zu gleicher Zeit der Willkür der Gewalt Preis gegeben. Von jener Epoche an datirt all unser Unglück. Der Krieg ist unvermeidlich. Zwei große Kräfte wie Frankreich und Preußen können nicht immer, bis an die Zähne bewaffnet, mit unter einander geschlagenen Armen einer der andern gegenüber stehen, das muß einmal zum Ausbruch kommen.—Wann aber?—Ich weiß es nicht und Niemand weiß es.—Preußen wird nichts nachgeben, gar nichts, es wird keine Concessionen machen, glauben Sie es ja, und dann wird endlich der Augenblick kommen, in welchem die französische Regierung, sie möge heißen, wie sie wolle, durch Aufwallen des Nationalzorns zum Handeln gedrängt werden wird.—Die einzige Macht, welche durch eine kräftige Vermittlung den Conflict zu verhindern im Stande sein könnte, ist England; doch glaube ich nicht an solch eine Vermittlung. Lord Clarendon wird einzelne Versuche machen, aber er wird nichts Ernstes thun und namentlich seinen Worten keinen thätigen Nachdruck geben. Er ist sehr vorsichtig und sehr wenig geneigt zu energischen Maßregeln.

"Freilich," sprach er weiter, "wird es in einem solchen Augenblicke nicht allein auf tüchtige Generale, sondern auch auf Staatsmänner ankommen, welche Kraft und Energie besitzen und zugleich durch ihren Charakter der Nation Vertrauen einflößen.

"Unser guter Freund Daru, den ich sehr hoch schätze, würde vielleicht kaum einer so großartigen Action gewachsen sein, wie die Zukunft sie uns auferlegen muß. Ich sehe überhaupt nach dem Tode von Walewsky, welcher ein ehrlicher Mann war, unter Denen, welche dem Kaiser näher stehen, nur Drouyn de L'huys, der einer solchen Aufgabe gewachsen sein könnte.—Ich glaube auch, daß er noch in sehr nahen Beziehungen zum Kaiser steht, aber er muß sehr unzufrieden sein mit dem Gang der auswärtigen Politik, welche nach seinen Ideen im Jahre 1866 eine ganz andere Richtung hätte nehmen müssen."

Herr Thiers hatte die letzten Worte mehr zu sich selber, als zum General
Changarnier gesprochen. Seine Stimme war immer leiser geworden, er
blickte, wie seinen Gedanken folgend, einige Augenblicke schweigend zu
Boden.

Die übrige Gesellschaft hatte sich allmälig ebenfalls mehr und mehr nach dem zweiten Salon hingezogen, nachdem Herr Thiers seinen Schlummer beendet und wieder an der Unterhaltung Theil zu nehmen begonnen.

Herr Mignet trat heran und begrüßte den Hausherrn mit ehrerbietiger
Herzlichkeit.

"Man erzählt mir," sagte er, "daß Sie sich mit einem großen Werk über
die Philosophie der Geschichte beschäftigen—der Inhalt wird für jeden
Historiker von großem Interesse sein. Wird die literarische Welt bald
Etwas davon zu sehen bekommen?"

"Das wird davon abhängen," sagte Herr Thiers lächelnd, "wie bald ich mein Leben und damit meine Thätigkeit beenden werde, denn ich bin entschlossen, die Kritik dieses Werkes, das bald beendet ist, nicht lebend über mich ergehen zu lassen, und dasselbe erst dann dem Publikum zu übergeben, wenn ich selbst der Beurtheilung der irdischen Welt entzogen sein werde. Denn," fuhr er fort, "ich will in diesem Werk über sehr viele Dinge ganz ohne alle Rücksicht die Wahrheit sagen, und das könnte mir vielleicht viele Feinde machen, mit denen ich mich in der friedlichen Muße meines Lebensabends nicht mehr zu streiten Neigung habe. Ich glaube," fuhr er fort, "daß die gegenwärtige Welt einen gewissen Mangel an gesundem Menschenverstand besitzt. Da ich nun sehr lange gelebt und sehr Vieles gesehen und gelernt habe, so will ich über Alles das meine Meinung sagen, gerade so, als ob ich einen Sohn hätte, dem ich in einem Testament meine letzten Rathschläge ertheile, um die reichen Erfahrungen meines Lebens für ihn nützlich zu machen. Der Himmel hat mir Kinder versagt," sagte er mit einem wehmüthig freundlichen Lächeln,—"so will ich denn ganz Frankreich und die ganze gebildete Welt als meinen Sohn betrachten. Vielleicht kann ich dadurch noch nach meinem Tode ein wenig nützlich sein. Gedulden Sie also Ihre Neugier noch kurze Zeit, denn ich werde ja wahrscheinlich nur noch kurze Zeit zu leben haben."