Herr Vergier war ihm langsam folgend ebenfalls bis in die Nähe des
Challier'schen Hauses gekommen.

Hier blieb er stehen und blickte dem jungen Hannoveraner, der bereits in der Dunkelheit verschwand, nach.

„Hätte ich eine Waffe bei mir,“ flüsterte er mit zischender Stimme, „so könnte ein Druck meines Fingers diesen Feind meines Landes, — diesen Räuber meiner Liebe vernichten!“

— „Aber geh' nur hin,“ sagte er, die geballte Faust zum nächtlichen Himmel erhebend, — „es giebt noch andere Waffen als die Kugel und den Stahl, — ich werde Dich vielleicht besser und sicherer treffen, geh' nur hin, — Du sollst nicht hierher zurückkehren auf den heiligen Boden Frankreichs, — den Du als Verräther betreten, — Du sollst nicht zurückkehren, um eine holde Blume meines Vaterlandes zu pflücken und mir das Glück meines Lebens zu stehlen.“

Noch einmal sah er mit flammendem Blick dem gehaßten Fremden nach, — dann wendete er sich um und schritt durch die stille Nacht seinem Hause zu.

Viertes Capitel

Die schöne Tochter des Commerzienraths Cohnheim hatte seit dem Ball bei ihren Eltern still und traurig ihre Tage verbracht. Sie saß in tiefen Gedanken versunken an ihrem Fenster, oft sank die Stickerei, mit welcher sie sich beschäftigte, auf ihren Schooß, während sie auf die noch winterlichen Bäume des Thiergartens hinausblickte.

Doch war sie nicht traurig, oft umspielte ein stilles, glückliches Lächeln ihren Mund, und hoher Muth und freudige Hoffnungen leuchteten aus ihren Augen.

Ihre Mutter ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um sie in trockner und wenig liebevoller Weise darauf aufmerksam zu machen, wie unpassend es sei, wenn sie, die Tochter des reichen Commerzienraths, der zu den ersten Finanzgrößen der Residenz gehöre, mit Nichts bedeutenden untergeordneten Officieren von der Linie den Cotillon tanze und Herren von Stellung und Distinction zurückweise. Ihre Mutter betrachtete das Alles nur als eine Frage der äußeren Rücksichten auf die Stellung des Commerzienraths. Aus ihren Reden ging hervor, daß sie sich nicht die entfernteste Möglichkeit träumen ließe, ihre Tochter könne wirklich in einem armen und unbedeutenden Offizier etwas Anderes finden, als einen guten angenehmen Tänzer.

Und Fräulein Anna, hörte alle mütterlichen Ermahnungen ruhig mit gleichgültigem Lächeln an — sie wartete ihre Zeit ab und wußte, daß, wenn dieselbe gekommen, sie die Kraft und Willen genug haben würde, dem Zorn ihrer Mutter zu trotzen.