Sie sann lange nach.

„Sollte ich ihn gekränkt haben,“ flüsterte sie leise — „er ist empfindlich und leicht verletzt. Doch nein, nein,“ rief sie dann, „ich erinnere mich jedes Wortes das ich ihm gesagt habe, und alle meine Worte sprachen deutlicher vielleicht, als ich es hätte thun sollen, meine Liebe zu ihm aus. Nein,“ rief sie, „er kann nicht zweifeln, daß mein Herz ihm gehört. Es ist nur sein Stolz, sein harter unbeugsamer Sinn, der ihn von mir zurückhält. Und hat er,“ fuhr sie fort, indem ihre Augen sanft und weich vor sich hinblickten, „hat er nicht Recht, so stolz zu sein, er ist arm und die Macht des Geldes beherrscht die Welt, und doch fühlt er seinen eigenen Werth. Und darum gerade,“ rief sie leidenschaftlich, „darum liebe ich ihn — aber soll ich ihn verlieren, weil mein Vater reich und er arm ist, darf ich ihn so vielleicht für immer von mir gehen lassen — es klang wie ein Abschied in seinen letzten Worten. Fürchtet er, mich wieder zu sehen, um sich selbst nicht untreu zu werden? Ich muß ihn sehen,“ sagte sie aufspringend, „ich muß ihn sprechen, ich muß mit ihm Hand in Hand vor meinen Vater hintreten und laut das Gefühl meines Herzens bekennen. Oh,“ sagte sie, sich hoch aufrichtend, „diesem Baron von Rantow gegenüber und all den Herren gegenüber, die mich umschwärmen, die da glauben, daß sie gestützt auf ihre großen Namen und ihre Stellung nur die Hand ausstrecken dürfen, um mit der Tochter des reichen Commerzienraths ein großes Vermögen zu erwerben, — ihnen gegenüber fühle ich den Stolz einer Königin in mir, es reizt mich, ihnen zu zeigen, daß ich mich höher achte, als sie Alle. Aber ihm gegenüber, ihm, den ich liebe, diesem edlen, reichen und treuen Herzen gegenüber will ich demüthig sein. Er soll sehen, wie ich Alles, was ich ihm bieten kann, für Nichts achte und wie ich glücklich bin, daß er mich seiner Liebe werth gefunden, ihn will ich bitten, mich nicht zu verlassen, ihm gegenüber will ich keinen Stolz haben, und so will ich ihn zwingen, auch seinen Stolz aufzugeben.“

Sie öffnete ein zierliches Etui von rothem Leder, nahm einen kleinen Bogen goldgerändertes Briefpapier aus demselben und schrieb hastig, während ihre Wangen sich mit dunklem Purpur färbten, einige Zeilen.

Dann las sie dieselben durch.

„Es ist etwas Ungewöhnliches, was ich da thue,“ sagte sie, „jedem andern Manne gegenüber würde es eine Selbsterniedrigung sein — aber er wird mich verstehen, er wird fühlen, daß er kein Recht mehr hat, seinem stolzen Eigenwillen zu folgen, wenn ich mich so vor ihm beuge, wenn ich mich so in seine Hände gebe.“

Rasch faltete sie den geschriebenen Brief zusammen verschloß ihn in eine
Enveloppe und setzte die Adresse auf dieselbe.

„Es wird Licht werden,“ sagte sie dann, „ich werde den Brief zur Post tragen, Niemand wird etwas davon erfahren und er wird sicher meiner Bitte folgen.“

Die bange Unruhe verschwand aus ihrem Gesicht, langsam entkleidete sie sich, die Gedanken an den Geliebten begleiteten sie in ihren Schlummer und gestalteten sich zu schönen und lieblichen Träumen künftigen Glückes.

* * * * *

Der Lieutenant von Büchenfeld hatte seit seiner Erklärung mit Fräulein Cohnheim viel mit sich selbst gekämpft. Er war nach einer ziemlich einsamen Jugend im stillen Hause seines Vaters bei seiner Anwesenheit in Berlin zum ersten Mal in die größern Kreise der Welt eingetreten, und die Liebe zu dem jungen Mädchen hatte mit übermächtiger Kraft sein tief empfindendes, in sich selbst zurückgezogenes Herz erfüllt, ein ganz neues Leben war ihm aufgegangen, und sein ganzes Wesen war durchdrungen von dem tiefen Gefühl, das ihn erfüllte. Die starren Begriffe von Ehre und männlicher Würde, welche die Erziehung seines Vaters in ihn gelegt, kämpften gegen diese Liebe an, und sein Blut empörte sich bei dem Gedanken, daß man seiner Bewerbung um die Tochter des reichen Commerzienraths materielle Motive unterlegen könnte, sein Stolz bäumte sich auf, wenn er sich die Möglichkeit dachte, daß er kalt und hochmüthig zurückgewiesen werden könnte, und selbst wenn es ihm gelingen würde, seine Geliebte zu erringen, so schauderte er vor dem Gedanken zurück, seine Lebensstellung auf das Vermögen seiner Frau zu begründen.