Mit einer kalten und abweisenden Miene erwiderte sie den Gruß des jungen
Mannes, und wollte ihren Weg fortsetzen.
Herr von Rantow blieb an ihrer Seite.
„Ich habe Sie in den letzten Tagen in mehreren Gesellschaften vergeblich gesucht, mein gnädiges Fräulein,“ sagte er, „in denen ich Ihnen sonst zu begegnen gewohnt war. Ich hoffe, Sie sind nicht leidend gewesen, Ihre blühende Farbe sollte mich beruhigen. Wo solche Rosen auf den Wangen blühen und solches Feuer aus den Augen leuchtet, kann Krankheit und Leiden keinen Platz finden,“ fügte er mit höflich gleichgültigem Ton hinzu, indem sein Blick oberflächlich über das Gesicht und die Gestalt des jungen Mädchen hinglitt.
„Ich danke, Herr von Rantow,“ sagte Anna mit dem Ton einer gewissen Verlegenheit, „ich befinde mich ganz wohl und war nur etwas nervös verstimmt, — deshalb bin ich nicht in Gesellschaft gegangen und möchte jetzt einen kleinen Gang in der freien Natur machen, um einsam meinen Gedanken nachzuhängen.“
„Das sollten Sie nicht thun,“ erwiderte Herr von Rantow, ohne den ziemlich deutlichen Wink der Entlassung zu bemerken, welcher ebenso sehr in ihren Mienen, als in ihren Worten lag. „Die Einsamkeit ist kein Heilmittel für angegriffene Nerven, eine heitere gemüthliche Plauderei leistet viel bessere Dienste, ich will ein wenig versuchen, Ihr Arzt zu sein.“
„Sie sind zu gütig,“ erwiderte sie in leicht gereiztem Ton, „Jeder muß am besten wissen, was seiner Natur bei nervösen Verstimmungen gut thut, und für mich ist ein einsamer Spaziergang in der freien Luft,“ fügte sie mit noch schärferer Betonung hinzu, „das beste Heilmittel.“
„Fast darf ich Ihnen nach diesen Worten,“ erwiderte Herr von Rantow mit einem leichten Lächeln, während er durch sein Glas in eine Seitenallee hinabsah, „meine Begleitung nicht weiter aufdrängen, und doch wird es mir schwer Sie zu verlassen. Wenn es aber Ihr Ernst ist, durchaus allein sein zu wollen —“
„Mein voller Ernst,“ rief Anna schnell, indem eine dunkle Röthe ihr
Gesicht überflog, — sie hatte wenige Schritte vor sich den Lieutenant von
Büchenfeld bemerkt und machte eine unwillkürliche Bewegung, als wolle
sie ihm entgegen eilen.
Herr von Rantow sah sie etwas befremdet an und folgte dann der Richtung ihres Blickes.
„Ah, da ist Herr von Büchenfeld, ich habe ihn lange nicht gesehen! Auch ein Einsamer,“ fügte er mit einem schnellen Seitenblick auf das junge Mädchen hinzu. „Wäre die Einsamkeit ein Ding, das man theilen könnte, so würde ich vorschlagen, daß wir uns zu Dreien ihrem Genuß hingeben.“