Langsam schritt er dem weit vorausgeeilten jungen Mädchen nach und trat einige Zeit später als sie in das Haus des Commerzienraths, dessen Parterre seine Eltern bewohnten.

Der Lieutenant von Büchenfeld war in schmerzlicher Erregung dem Brandenburger Thor zugeschritten. Er blickte starr vor sich hin, kaum die Vorübergehenden beachtend und nur mit seinen finstern Gedanken beschäftigt.

„Das also ist es gewesen,“ flüsterte er, „sie hat mir zeigen wollen, daß Alles zwischen uns aus sein soll, daß Alles für sie nur das flüchtige Spiel einer augenblicklichen Laune war. Ein Abschied hat es sein sollen, aber nicht ein freundlicher Abschied, welcher mit seinem sanften Strahl das künftige Leben erleuchtet und den Schmerz der Trennung verklärt. Nein, dieser Abschied war fast ein Hohn auf die Vergangenheit, sie wollte sich mir auf meinem einsamen Wege an der Seite Desjenigen zeigen, der das Glück besitzen soll, das ich vergeblich ersehnte. —

„Das Glück?“ sagte er, indem er die Augen fragend emporschlug, — „kann es ein Glück geben an der Seite eines Wesens, das so herzlos mit den edelsten Gefühlen spielt, das auf solche Weise eine Liebe von sich weisen kann, deren Tiefen sie kaum zu ermessen verstehen mag, — und sie hätte es ja nicht nöthig gehabt,“ sprach er, grimmig die Lippen auf einander pressend, „sie hätte es nicht nöthig gehabt, mir so meinen Abschied zu geben. Ich habe sie doch wahrlich mit meiner Liebe nicht verfolgt, ich habe mich still und schweigend zurückgezogen. Warum hat sie mich nicht ruhig meiner Wege gehen lassen? Ach, wie tief habe ich mich in ihr getäuscht! Wie Recht hatte mein Vater, daß in diesen Kreisen der reich gewordenen Parvenus es kein Herz und kein Gefühl giebt.“

Er sah sich plötzlich von mehreren Kameraden umringt, deren Annäherung er nicht bemerkt hatte, und welche ihm lachend den Weg vertraten.

„Endlich trifft man ihn einmal, diesen verkörperten Fleiß,“ rief ein junger Dragonerofficier.

„Er bereitet sich zum Chef des großen Generalstabs vor und macht Tag und Nacht die Pläne zu den Schlachten, die er künftig gewinnen will. Aber jetzt haben wir ihn, jetzt soll er mit uns kommen. Es ist heute Hohensteins Geburtstag,“ sagte er, auf einen Husarenofficier deutend, „wir sind es ihm aus Freundschaft schuldig, diesen wichtigen Tag zu feiern. Büchenfeld darf sich nicht zurückziehen, wenn er nicht ein schlechter Kamerad ist. Wir wollen zu Borchard gehen, dort ist ein vortrefflicher Romanée mousseux, dessen Bekanntschaft er machen soll. Ein ganz ausgezeichneter Stoff, etwas schwer, — aber wo man den Geburtstag eines guten Freundes feiert, darf man ja nicht ganz kalt und nüchtern bleiben.“

Er ergriff den Arm des Lieutenants von Büchenfeld und zog ihn fort. Die
Andern folgten.

„Es ist wahr,“ rief Büchenfeld flammenden Blickes, „ich habe zu viel gearbeitet, zu viel nachgedacht und gegrübelt, ich will mir einmal den Kopf frei machen von allen Gedanken. Könnte ich Vergessenheit trinken,“ sagte er leise vor sich hin, — „wie die Alten mit dem Wasser des Flusses der Unterwelt alle Erinnerungen an die Leiden des Lebens aus ihrer Seele fortspülten!“

Unter heitern und fröhlichen Gesprächen schritten die Officiere die
Linden entlang und begaben sich in das elegante, altbewährte Local von
Borchard in der Französischen Straße.