Sie dachte lange nach. In fieberhafter Unruhe bildete sie Pläne auf
Pläne, um sie alle wieder zu verwerfen.
„Es giebt nur einen Weg,“ rief sie endlich mit festem entschlossenen Ton, „Licht in all dieses Dunkel zu bringen. Ich will mit meinem Vater sprechen. Er kann,“ fügte sie unwillkürlich lächelnd hinzu, „meinen ernsten Bitten auf die Dauer nicht widerstehen. Er muß es übernehmen, diesem unerbittlichen Stolz Genugthuung zu geben. Er wird mir das Glück meines Lebens nicht versagen, wenn er sich auch mit anderen Plänen tragen sollte.“
Dieser Entschluß schien sie zu beruhigen; nachdem sie noch längere Zeit über die Ausführung desselben nachgedacht hatte, ging sie in den Salon ihrer Eltern, wo ihre Mutter sie bereits am Theetisch erwartete.
Die Frau Commerzienräthin ergriff abermals die Gelegenheit, ihrer Tochter eine kleine Vorlesung darüber zu halten, was sie der Stellung ihres Vaters schuldig sei, und wie sie ihrerseits stets daran denke, für sie eine passende Verbindung zu finden, so müsse auch Anna darauf bedacht sein, in ihrem Verkehr mit der jungen Herrenwelt nur solchen Personen eine Annäherung zu erlauben, welche durch ihr Vermögen und ihre gesellschaftliche Stellung im Stande wären, sich in die Reihe der Bewerber um die Tochter des großen Finanzmannes zu stellen, welcher bestimmt sei, noch weit höhere Stufen auf der Leiter der Gesellschaft zu ersteigen.
Fräulein Anna hörte schweigend die Auseinandersetzungen ihrer Mutter an, an welche sie sich seit einiger Zeit als etwas Unabänderliches gewöhnt hatte, und welche ihr, da sie darauf zu erwidern nicht für nöthig hielt, die erwünschte Gelegenheit gaben, ihren Gedanken nachzuhängen.
Dies tête-à-tête zwischen Tochter und Mutter hatte bereits längere Zeit gedauert, als der Commerzienrath in großer Aufregung in das Zimmer trat. Er vergaß, was er sonst stets mit einer etwas forcirten Galanterie zu thun pflegte, seiner Frau die Hand zu küssen, und beachtete auch den freundlichen Gruß seiner Tochter kaum, welche ihm entgegen gegangen war und ihm Hut und Stock abgenommen hatte. Er ging mit kurzen unruhigen Schritten auf und ab, bewegte die Hände in lebhaften Gesticulationen und flüsterte abgebrochene Worte vor sich hin.
Erstaunt sah ihm die Commerzienräthin eine Zeit lang zu, dann sagte sie in etwas vorwurfsvollem Ton, in dem sich jedoch ein Anklang unruhiger Besorgniß beimischte:
„Du scheinst unsere Gesellschaft nicht zu beachten und vollständig in Deinen geschäftlichen Combinationen vertieft zu sein. Vielleicht wäre es besser, die Berechnungen über Deine Geschäfte in Deinem Zimmer vorzunehmen und hier Dich ein wenig der Unterhaltung mit Deiner Familie zu widmen — oder,“ fuhr sie fort, „hast Du so peinliche und unangenehme Nachrichten erhalten, daß Dich ernste Sorgen selbst hierher verfolgen?“
„Es ist unerhört,“ sprach der Commerzienrath halb zu sich selber, „es ist eine sehr unangenehme Geschichte, — es waren noch verschiedene Personen dabei; morgen wird vielleicht ganz Berlin davon sprechen! Was kann man thun? Wie kann man dem Scandal vorbeugen?“
„Aber ich bitte Dich,“ sagte die Commerzienräthin, welche jetzt ernstlich beunruhigt zu sein schien, „so sage uns doch endlich, was Dich so aufregt — wovon kann morgen ganz Berlin sprechen? Deine Unternehmungen und Deine financielle Stellung sind doch nicht auf den Zufall begründet? Es kann doch keine Katastrophe Dein Haus und Dein Geschäft vernichtend treffen?“