Er näherte sich den Ministern und begrüßte sie mit einer artigen, aber ein wenig linkischen Verbeugung, die übrigen folgten ihm und umgaben die beiden Minister, um welche sich sehr bald noch mehrere der im Saale anwesenden Deputirten gruppirten.
„Es scheint, daß das Plebiscit beschlossen ist,“ sagte Herr Gambetta zu Ollivier gewendet, der in etwas gezierter, an die gesuchte saubere Einfachheit Robespierres erinnernder Haltung da stand, und dessen eigenthümlich geformtes Gesicht, mit der schmalen Stirn, den stark schielenden von einer feinen Brille beschatteten Augen und dem großen, über dem zurückstehenden Kinn stark hervortretenden Munde, in lebhafter Bewegung zitterte.
„Ich habe keinen Grund,“ erwiderte der Großsiegelbewahrer des Kaiserreiches, indem er die Begrüßung des Herrn Gambetta mit kalter, abwehrender Höflichkeit erwiderte, „mich nicht über die Situation auszusprechen. Ja, meine Herren,“ fuhr er fort, „das Plebiscit ist beschlossen, und ich begreife nicht, wie Sie und Ihre Freunde,“ fügte er hinzu, indem sein unsicherer Blick leicht über die Gruppe hinglitt, welche ihn umgab, „ich begreife nicht, wie Sie Alle gegen diesen Gedanken sein können. Die unmittelbare Berufung des Volkes in wichtigen Verfassungsangelegenheiten des Landes entspricht ja so vollkommen den Grundsätzen einer wahren und vernünftigen Demokratie, zu welcher Sie sich bekennen, welchen ich meinerseits stets treu geblieben bin, und welchen auch diese neue Maßregel einen verstärkten Ausdruck geben wird.“
Ein höhnisches Lächeln umzuckte die Lippen Gambetta's.
„Darf ich Sie vielleicht fragen,“ fuhr er fort, „wie lange die
Volksabstimmung dauern soll und ob bei derselben das Vereinsrecht zur
Ausübung kommen werde, welches der Bevölkerung gestattet, sich vorher
über die der Frage gegenüber einzunehmende Haltung zu verständigen.“
„Zweifellos,“ erwiderte Herr Ollivier, „werden öffentliche Versammlungen Statt finden dürfen, und das Volk wird von allen seinen verfassungsmäßigen Rechten Gebrauch machen können — doch,“ fuhr er fort, „liegt es in der Natur der Sache, daß solche Versammlungen, da es sich ja hier nur um die ganz einfache Beantwortung einer einfachen Frage handeln wird, nicht so lange werden dauern können, als dies zum Beispiel bei den Wahlen zum Gesetzgebenden Körper erlaubt ist. Jeder soll nach seiner freien Ueberzeugung eine sehr klar gestellte Frage beantworten, und dazu sind in der That keine langen Debatten und keine langen Vorbereitungen erforderlich.“
„Aber die Regierung, meine Herren,“ rief der Graf Keratry in heftigem und gereiztem Ton, „hält es nicht für unnütz, solche Vorbereitungen in dem ausgedehntesten Maße zu treffen. So eben habe ich den Herren hier mitgetheilt, daß ich erfahren, die Präfecten seien angewiesen, mit äußerster Energie das Plebiscit vorzubereiten und sogar den Gemeinden Versprechungen in Betreff der Maires zu machen — es scheint also doch, daß man es für wichtig hält, die Autorität der Macht in die Wagschale zu werfen, wenn die Mittheilungen,“ fügte er hinzu, den scharfen stechenden Blick auf Herrn Chevandier de Valdrome richtend, „die mir gemacht, richtig sind.“
Der Minister des Innern, ein vornehm aussehender, etwas gleichgültig blickender Mann von matten, nervösen Gesichtszügen, ließ seinen Blick von oben herab über den Grafen Keratry hingleiten, ein kaltes, feindliches Lächeln spielte um seine Lippen und in kurzem, wenig verbindlichem Ton erwiderte er:
„Ja, ich habe die Präfecten instruirt, wie ich das für mein Recht und meine Pflicht halte, ich habe ihnen befohlen, die äußerste Thätigkeit zu entwickeln, um die Enthaltung von der Abstimmung zu verhindern. Ich trage die persönliche Verantwortlichkeit für meine Anweisungen, — welche übrigens ganz und gar Verwaltungsmaßregeln sind.“
„Ich begreife nicht,“ rief Picard, „wie der Herr Minister des Innern das Plebiscit als die freie Abstimmung des Volkes über die wichtigsten Fragen, die sein öffentliches Leben betreffen, eine Verwaltungsmaßregel nennen kann. Wenn es jedoch nun,“ fügte er mit ironischem Lächeln hinzu, „eine Verwaltungsmaßregel sein soll, so würde es für uns gewiß von großem Interesse sein, den Inhalt der Schreiben kennen zu lernen, welche in dieser Beziehung an die Präfecten erlassen worden sind.“