„Es gehört nicht eine allzu große praktische Erfahrung dazu,“ erwiderte der Prinz in entrüstetem Ton, „um das zu sehen, was Jedermann sehen kann und was man Dir allein mit Erfolg zu verbergen sucht, da Dein zu großes Vertrauen Dich verhindert, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich bitte Dich, untersuche wenigstens, bevor Du Dich zu gefährlichen Unternehmungen hinreißen läßt, genau den Zustand der Armee, — untersuche ganz besonders den Zustand der Flotte, dieser ist noch bedenklicher als der der Landtruppen.“
„Mein liebes Kind,“ sagte der Kaiser in einem väterlichen freundlichen Ton, „Du agitirst Dich ohne Grund, glaube mir, die Absichten, die Du voraussetzest, bestehen nicht.“
„Sie bestehen nicht?“ rief der Prinz. „Sie bestehen vielleicht bei Dir nicht, aber sie bestehen rings um Dich her, und man wird Dich so umgarnen, man wird alle Verhältnisse so drehen und wenden, daß Du schließlich nicht anders können wirst, als die Pläne derer auszuführen, welche in ihrer Verblendung dazu bestimmt scheinen, Dich und uns Alle in's Unglück zu stürzen. Die Kaiserin —“
Der Kaiser stand auf; für einen Augenblick schien er vollkommen Herr über die Schwäche zu sein, welche seine Haltung gewöhnlich unsicher und schwankend erscheinen ließ. Er richtete den Kopf hoch empor, seine Augen öffneten sich weit und leuchteten im tiefen Glanz auf, aus seinen Zügen strahlte eine wunderbare Hoheit und Ueberlegenheit, und mit einer vollen, metallisch klingenden Stimme sprach er:
„Mein lieber Vetter, ich bin das Haupt unserer Familie und das erwählte Oberhaupt der französischen Nation, ich trage die Verantwortlichkeit für meine Entschließungen und bin mir dieser Verantwortlichkeit vollkommen bewußt, — auf meine Entschließungen aber hat Niemand Einfluß, als die ruhige Erwägung und die richtige Beurtheilung der Verhältnisse, Niemand,“ wiederholte er mit strenger Betonung, „und auch kein Glied meiner Familie — kein Glied derselben ohne Ausnahme.“
Er schwieg einen Augenblick, dann fügte er mit milderem Ton hinzu, indem er dem Prinzen die Hand reichte:
„Ich danke Dir für Deine Theilnahme an dem Geschick Frankreichs und an dem Meinigen und bin überzeugt, daß, wenn ernstere Ereignisse eintreten sollten, wozu in diesem Augenblick nicht die geringste Veranlassung vorliegt, Du an dem Platz, an welchem ich Dich dann zu stellen beschließen werde, mit voller Hingebung und Selbstverleugnung Deine Schuldigkeit thun wirst.
„Ich bin,“ sagte er mit höflichem, aber bestimmtem Ton, „bereit, mit Dir in ruhigen Augenblicken diese Unterhaltung fortzusetzen; für jetzt muß ich Dich bitten, mich zu entschuldigen, denn die Stunde der angesagten Revue ist bereits vorüber, und Du weißt, daß selbst unser großer Oheim den unumstößlichen Grundsatz hatte, die Truppen niemals warten zu lassen, sondern ihnen stets das Beispiel genauester Pünktlichkeit zu geben.“
„Du willst mich nicht hören,“ rief der Prinz heftig, — „Du kannst Dich noch immer nicht gewöhnen, in mir den reifen Mann zu sehen, Du glaubst also den Fremden mehr — als mir, der ich Dir doch wahrlich am nächsten stehe. Nun, ich werde nicht müde werden, auch auf die Gefahr hin, Dir zu mißfallen, bis zum letzten Augenblick Dir meine Meinung zu sagen.“
„Und ich werde Dich immer mit Aufmerksamkeit und mit der alten Liebe anhören, die ich Dir stets bewiesen habe,“ sagte der Kaiser, indem er seinem Vetter die Hand reichte, „auf Wiedersehen!“