Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Kein Hurrahrufen erscholl, aber die ganze große Menschenmenge war in den Gesang eingefallen, der voll und gewaltig dem Könige nachklang, welcher am Fenster stand und auf alle diese entblößten Häupter, auf alle diese von Begeisterung flammenden Gesichter hinblickend, mit leisen Bewegungen des Hauptes den Rhythmus der Melodie begleitete, bis dieselbe unter dem Rollen der Räder und dem Schnauben der Maschine in der Ferne verklang.

So kam man näher und näher nach Brandenburg, wo, wie dem Könige durch den Telegraphen gemeldet war, der Kronprinz, Graf Bismarck, der Kriegsminister von Roon und der General von Moltke den König erwarteten.

Endlich, der Abend dunkelte bereits herein, fuhr der Zug in den Bahnhof der alten märkischen Stadt ein. Fast die ganze Bevölkerung war dort versammelt, die Spitzen der Behörden, und die Officiercorps standen auf dem Perron hinter den Ministern; Allen voran der Kronprinz, welcher, als kaum der Zug zum Stehen gebracht war, selbst die Thür öffnete, in den Salonwagen hineinsprang und in tiefer Bewegung die Hand des Königs an seine Lippen führte.

Der König breitete seine Arme aus und drückte seinen Sohn einen
Augenblick schweigend an die Brust.

„Ich hatte gehofft,“ sagte er dann ruhig und milde, „daß der Abend meines Lebens in Frieden enden würde, und daß die Kämpfe der Zukunft Deinem jüngeren und kräftigeren Arm überlassen bleiben sollten, — Gott hat es anders gewollt, Du wirst mir zur Seite stehen, um unser Volk nochmals zum Siege zu führen.“

Dann trat er auf den Perron hinaus und unter den immer von Neuem sich wiederholenden Zurufen, die sich weithin in der Umgebung des Bahnhofs fortpflanzten, begrüßte er mit herzlichem Händedruck den Grafen Bismarck und die Generale von Moltke und von Roon, welche ihm ernst und tief bewegt entgegentraten.

„Der Augenblick ist da,“ sagte Graf Bismarck, „den wir so lange mit aller Anstrengung hinauszuschieben versucht haben. Die letzte Entscheidung naht, und fast möchte ich frei aufathmen, nun da die Nebel zerreißen, da die frische Luft uns umweht und in reiner Klarheit unser großes Ziel vor uns liegt, die heiligsten Güter des Vaterlandes zu vertheidigen, Deutschland heraufzuheben auf den ersten Platz unter den europäischen Nationen. Der Morgen einer großen Zeit bricht an, einer so großen Zeit, wie sie kaum je die Geschichte gekannt hat; und Gott sei Dank, das Schwert Deutschlands liegt in Händen, die es nicht niederlegen werden, bevor der Sieg nicht erkämpft ist.“

Der König neigte nur langsam das Haupt, ohne etwas zu erwidern, dann wandte er sich auf den Perron zu den Officieren und Civilbeamten, sprach mit den obersten Vertretern derselben einige Worte und befahl bald die Weiterreise, indem er den Geheimen Legationsrath Abeken und den Hofrath St. Blanquart entließ und die Minister aufforderte, mit ihm und dem Kronprinzen in den Salonwagen zu steigen.

„Nun, meine Herren,“ sagte der König, als der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, „wir werden von Neuem zu Felde ziehen müssen, denn ich glaube nicht, daß jetzt noch eine friedliche Wendung möglich ist und Jeder von uns wird mit Aufbietung aller Kräfte auf dem Posten stehen müssen, denn diesmal handelt es sich um noch schwerere Kämpfe als im Jahre 1866, schwerer vielleicht an Anstrengung und Arbeit,“ fügte er hinzu. „Aber,“ sagte er dann, den hellen, klaren Blick auf den Kronprinzen richtend, „ich ziehe mit leichterem, froherem Herzen ins Feld gegen den alten Feind Deutschlands, als damals, da ich gegen den alten Verbündeten, da ich gegen einen Fürsten aus deutschem Stamme kämpfen mußte.“

„Und Alles ist vorbereitet, Majestät,“ sagte Graf Bismarck fast im heiteren Ton, „um uns nach allen Richtungen den Erfolg zu sichern. Frankreich hat sich durch diesen mit so unglaublichem Unverstand ausgewählten Kriegsfall vollkommen isolirt, so daß auch diejenigen Mächte, welche ihm vielleicht innerlich günstiger gesinnt sind, als uns, sich außer Stande befinden, ihm irgend welche Sympathie zu beweisen, und vor allen Dingen sind wir nach einer vielleicht bedenklichen Seite hin vollkommen gesichert. Ich habe ausführlich mit dem Fürsten Gortschakoff über die Situation verhandelt, die russische Politik ist vollkommen durchdrungen von der Notwendigkeit, den unvermeidlichen Krieg zwischen uns und Frankreich zu localisiren und wird die strenge Neutralität Österreichs überwachen.“