Ihr Vater schüttelte langsam und schmerzlich den Kopf.
„Ich freue mich,“ sagte er, „daß Du die eigene Kraft kennen und schätzen gelernt hast, aber nicht so darfst Du in Dein künftiges Leben gehen, Du darfst die Menschen nicht verachten, weil Einer sich Dir niedrig gezeigt hat, weil Einer unwürdig gegen Dich gehandelt. Auch diese Wunde wird heilen, mein Kind, wie so Vieles heilt in der geschaffenen Natur — Du wirst auch das Vertrauen zu den Menschen wieder finden, Du wirst Dich dem Leben und seinen reichen Gaben nicht verschließen. Du bist noch so jung und es wird die Zeit kommen, wo Alles, was Du jetzt gelitten, wie ein ferner Traum verklungen sein wird. Vergiß auch nicht,“ fügte er hinzu, „daß Derjenige, der Dich unwürdig verlassen, kein Sohn Deines edlen Vaterlandes war. Vielleicht ist es ein Glück, daß es so kam, für das Leid, das der Fremde Dir zugefügt, wird, so Gott will, Frankreich Dir Ersatz bieten.“
Luise trat einen Schritt von ihrem Vater zurück, hoch richtete sie sich empor und sprach stolzen, flammenden Blickes.
„Glaube nicht, mein Vater, daß ich mit dem Leben abschließen will, glaube nicht, daß ich etwa daran denke, in klösterlicher Einsamkeit den Unwürdigen zu beweinen, der mein liebevolles Vertrauen getäuscht hat. Nein, ich werde frei und muthig, aber auch klar und kalt in das Leben treten, ich werde alle seine Pflichten erfüllen, — aber mein Herz werde ich für mich allein behalten und — für Dich, mein Vater,“ fügte sie mit einem innigen Blick hinzu. „Es soll nicht wieder der Spielball unwürdiger Laune werden.“ „Das ist brav und recht, mein Kind,“ sagte Herr Challier, „das ist tapfer und meiner Tochter würdig. Und Gott, der die Zukunft der Menschen lenkt,“ fügte er die Hände faltend hinzu, „er wird auch nicht zulassen, daß Dein Herz in kalte Einsamkeit verschlossen bleibt, auch Dir wird noch Glück, Wonne und Freude zu Theil werden.“
Schweigend, mit schmerzlichem Lächeln schüttelte Luise den Kopf und ging hinaus, um die Geschäfte der häuslichen Wirthschaft zu ordnen.
Von diesem Augenblick an war zwischen Vater und Tochter von der Sache nie mehr die Rede, und ruhig ging das einfache Leben in dem alten Hause seinen Weg.
Herr Vergier, welcher sich eine Zeit lang wenig im Hause hatte sehen lassen, kam wieder öfter dorthin. Er leistete dem Alten Gesellschaft, sprach mit ihm über die Geschichte und über die Fragen der Politik, welche die öffentliche Meinung bewegten. Sein früher so heftiges und aufgeregtes Wesen war augenscheinlich ruhiger und sanfter geworden; er schien sich allmählig von den Ansichten des alten Herrn überzeugen zu lassen und hielt sich von allen heftigen Ausfällen gegen das Kaiserthum, von allen scharfen Urtheilen über die Regierung zurück — er hatte während des Plebiscits sich von jeder Agitation der democratischen Partei, mit welcher er früher innig verbunden gewesen war, fern gehalten, — der alte Herr Challier war darüber sehr erfreut und erblickte darin eine Wirkung des Einflusses, den er auf die Ansichten des Herrn Vergier ausübte. Das Verhältniß zwischen Beiden war in Folge dessen ein immer freundschaftlicheres und herzlicheres geworden.
Auch Fräulein Luise trat Herrn Vergier immer näher, er unterhielt sich freundlich und ruhig mit ihr; er sprach mit ihr über viele Dinge, welche den regen Geist des jungen Mädchens interessirten, und niemals kam ein Wort über seine Lippen, das an die Vergangenheit erinnerte oder die Hoffnungen und die Wünsche berührte, die er früher gehegt, und die er früher in so heftiger und leidenschaftlicher Weise gegen sie ausgesprochen hatte.
Das junge Mädchen, das anfänglich verschlossen, kalt und zurückhaltend gegen ihn gewesen war, begann in seiner Unterhaltung Zerstreuung und Beruhigung zu finden, und so kam es, daß nach Verlauf einiger Zeit Herr Vergier wieder der tägliche und gern gesehene Gast im Hause des Herrn Challier war, der in den kleinen Kreis freundliches und heiteres Leben brachte.
Die verhängnißvollen Tage des Juli waren gekommen, die gewaltige Aufregung, welche Paris bewegte, und welche bereits ganz Europa zu ergreifen begann, schlug ihr helles Feuer auch hier in diesem ruhig abgeschlossenen Leben der alten Stadt St. Dizier, und das Gefühl aller dieser Nachkommen der Soldaten Franz I. wallte hoch auf bei den Berichten über die Vorgänge im Corps legislatif, und als die Rede des Herzogs von Gramont in den Journalen erschien, in welcher dieser Träger eines edlen, alt französischen Namens das Nationalgefühl Frankreichs aufrief gegen die Wiederherstellung des Reiches Karl V., dieses deutschen Kaisers, der einst in seinen Kämpfen gegen den ritterlichen König Franz I. die Stadt St. Dizier belagert und vor deren Mauern den entscheidenden Widerstand gegen sein siegreiches Vordringen gefunden hatte, da war in dieser kleinen Stadt nur eine Stimme der Entrüstung und der Begeisterung, und jeder Bürger von St. Dizier wäre bereit gewesen, die Waffen zu ergreifen, um unter den Fahnen Frankreichs hinaus zu ziehen zum Kampf gegen die Nachkommen der Soldaten Karl V.