Leise bewegte Herr Challier die Lippen, die Melodie begleitend, — Herr Vergier wandte sich ab und trat an das Fenster, nach dem dunkel glühenden Abendhimmel hinausblickend.

„Ich habe gesiegt,“ flüsterte er vor sich hin, — „möchte nun,“ fuhr er fort, indem ein düsterer Grimm in seinen Augen brannte, „die erste französische Kugel jenen verhaßten Feind meines Landes treffen, der fast das Glück meines Lebens zerstört hätte.“

Zehntes Capitel.

Eine unruhige, lebhaft bewegte Menge wogte in den Straßen von Paris auf und nieder. Die Boulevards, die Champs Elysées, der Tuileriengarten, Alles war mit Menschen gefüllt und überall sah man laut sprechende und lebhaft gesticulirende Gruppen.

Die Zeitungen vom Abend vorher hatten die Nachricht verkündet, daß der König von Preußen es verweigert habe, den Botschafter Frankreichs zu empfangen und daß dieses die Würde Frankreichs beleidigende Factum durch eine Depesche von Berlin den europäischen Höfen mitgetheilt sei.

Ungeheuer war die Aufregung, welche diese Mittheilung in ganz Paris hervorgerufen hatte. Diese Aufregung wurde fortwährend gesteigert durch alle die Mittel, über welche die Polizei des Kaiserreichs in so reichem Maße verfügen konnte. Man sprach nicht mehr von der Candidatur des Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron, eine Sache, die man niemals so recht eigentlich begriffen und verstanden hatte. Man sprach nicht mehr von dieser oder jener politischen Frage, man sprach nur noch von der Beleidigung Frankreichs. Die ganze Entrüstung der Bevölkerung richtete sich gegen diesen preußischen Minister, den die Erfolge von Sadowa so weit verblendet hatten, daß er es wagen könne, Frankreich, das unbesiegliche Frankreich, die erste Macht Europa's zu beleidigen. Im Corps legislatif hatten zwar die Tage vorher die Mitglieder der Linken die Vorlegung der Depesche verlangt, durch welche jene Thatsache von Preußen den übrigen Mächten mitgetheilt worden wäre und sie hatten den ausweichenden Antworten der Minister gegenüber die schärfsten Reden gegen dieselben geführt.

Alle diese Reden hatten die Pariser nicht gehört und gelesen, denn man las zu jener Zeit keine Journale, sie hatten sie auch nicht lesen wollen, denn wenn die Pariser einmal bis zu einem gewissen Grade der Erregung gelangt sind, so weisen sie jede Beruhigung zurück und steigern in immer wachsendem Maße ihre Gefühle bis zur höchsten Siedehitze.

Die Nachricht hatte sich verbreitet, daß der Kaiser von St. Cloud kommen werde, um in den Tuilerien einen Ministerrath abzuhalten.

Die glühende Mittagssonne, welche schon so oft die Pariser bis zum politischen Wahnsinn exaltirt hatte, hielt sie auch diesmal nicht ab, in dicht gedrängten Massen auf den Champs Elysées, der Place la Concorde und auf dem Carousselplatz die Ankunft des Kaisers zu erwarten.

Endlich hörte man vom Arc de Triomphe her laute Hochrufe erschallen und bald sah man die beiden Piqueurs in den grün goldenen Livreen, welche der vierspännigen Kalesche des Kaisers voranritten an dem Eingang der Champs Elysées nach dem Place la Concorde zu.