Die Commerzienräthin war noch steifer, noch würdevoller, noch unnahbarer als sonst, und Fräulein Anna überstrahlte Alle durch ihre Schönheit und die ausgesuchte Eleganz ihrer Toilette. Aber jener Ausdruck kindlich freier Heiterkeit, welcher früher in ihren Augen gelegen hatte, war verschwunden. Kalt und stolz wie eine Königin blickte sie umher, mit ruhig und sicher gewählten Worten beantwortete sie die Gluckwünsche, welche man an sie richtete, und wenn sie lächelte, so schien es fast, als ob höhnischer Spott mehr Antheil an ihrem Lächeln habe, als die glückliche Freude der Braut.

Der junge Herr von Rantow war dann täglich im Hause des Commerzienraths erschienen, hatte für seine Braut alle Höflichkeit und Aufmerksamkeit, welche dieselbe irgend erwarten konnte und welche sie ebenso höflich und freundlich entgegennahm. Doch war keine innere Annäherung zwischen den beiden jungen Leuten eingetreten. Herr von Rantow blieb mit vollkommenem Takt in einer gewissen Zurückhaltung und Fräulein Anna war ihm dafür von Herzen dankbar und nahm mit um so größerer Aufmerksamkeit alle äußeren Rücksichten, welche ihr Verhältniß erforderte, entgegen; so daß die Commerzienräthin äußerst befriedigt war und ihrer Tochter häufig anerkennende Worte über ihr Verhalten sagte, das so vollkommen dem Brautstand zwischen vornehmen und distinguirten Personen entsprach.

Herr von Rantow hatte sein Staatsexamen überstanden, und die Hochzeit
war für den September festgesetzt, bis zu welcher Zeit der für die
Aufnahme des jungen Paares bestimmte Flügel des Schlosses auf dem
Rantow'schen Familiensitz hergestellt sein sollte, zu dessen
Ausschmückung der Commerzienrath nicht müde wurde, von überall her das
Schönste und Kostbarste an Mobilien und Stoffen kommen zu lassen.

Da brach mitten in diese Vorbereitungen die große Catastrophe herein, welche ganz Europa bewegte. Und wie diese Catastrophe die Fürsten und Diplomaten aus ihren Villeggiaturen und Badekuren aufschreckte und in den furchtbaren Ernst des Lebens zurücktrieb, so unterbrach sie auch die Vorbereitungen zu der Verbindung des Barons von Rantow mit Fräulein Anna Cohnheim.

Sorgenvoll ging der Commerzienrath einher. Es war nicht nur der Aufschub des von ihm so sehnlichst gewünschten Familienereignisses, welcher ihn bewegte und bekümmerte — der plötzlich hereinbrechende Krieg griff auch zerstörend in alle seine finanziellen Operationen ein. Die Unternehmungen, welche er mit dem Baron verabredet hatte, mußten natürlich vorläufig bis zur Wiederkehr ruhiger Verhältnisse aufgeschoben werden.

Der junge Baron von Rantow war zur Zeit seines Eintritts in das militairpflichtige Alter wegen der Anlage zu einem Brustleiden, die ohne unmittelbar gefährlich zu werden, ihm große körperliche Anstrengungen unmöglich machte, für dienstunfähig erklärt. Von dieser Seite hätte daher der Verbindung der beiden jungen Leute nichts entgegen gestanden. Indeß Fräulein Anna erklärte mit großer Bestimmtheit, daß sie vor dem Ende des Krieges, welcher das ganze Vaterland in so große Gefahr stürzte und so viel Trauer in zahlreiche Familien bringen müßte, an die Hochzeit nicht denken wolle.

So war denn die Hochzeit wieder in unbestimmte Fernen hinausgeschoben.

Am Vormittage des verhängnißvollen einunddreißigsten Juli, an welchem der König Berlin verlassen sollte, um zur Armee sich zu begeben, befand sich die Commerzienräthin Cohnheim bei dem Baron von Rantow und seiner Gemahlin.

Die Königin Augusta hatte wenige Tage zuvor einen Aufruf an alle Frauen des Vaterlandes erlassen, um Hülfsmittel für die Verpflegung der Verwundeten an den Rhein zu senden. Und die Commerzienräthin hatte mit Eifer diese Gelegenheit ergriffen, um sich der Baronin von Rantow anzuschließen bei der Bildung eines kleinen Damenvereins zur Erfüllung dieser patriotischen Aufgabe.

Sie war mit ihrer Tochter gekommen, um das Nähere über die Organisation der Thätigkeit dieses Vereins zu verabreden, und Frau von Rantow hatte mit einer gewissen, kalten Zurückhaltung den sehr beträchtlichen Beitrag in Empfang genommen, welchen die Commerzienräthin für die Zwecke des Vereins ihr überreichte.