Auch über das Gesicht des Königs zog der lichte Schimmer freudiger
Siegeszuversicht, — aber er sprach sie nicht aus und nachdem er einige
Augenblicke schweigend vor sich niedergeblickt hatte, wendete er sich zu
seinem Schreibtisch und ergriff einen dort liegenden Bogen Papier.
„Wir haben Alles geordnet,“ sagte er, die wenigen Zeilen überlesend, welche dieser Bogen enthielt, — „wir haben die diplomatischen Fäden gezogen, — um unsere wohlwollenden Freunde“ fuhr er mit eigenthümlichem Lächeln fort, „in ihrer neutralen Haltung zu befestigen, — wir haben für die Regierung während meiner Abwesenheit gesorgt. Unsere Pflichten liegen jetzt draußen bei der Armee, — ich habe jetzt nur noch ein Bedürfniß meines Herzens zu erfüllen, das ist ein letztes Wort des Abschieds an mein Volk zu richten, — wenn mich auch die Hoffnung erfüllt, daß wir mit Gott den Sieg erringen werden, so gehen wir doch einer schweren Zeit entgegen, und Niemand vermag zu berechnen, wie bald ich wieder nach der Heimath werde zurückkehren können. Auch kann,“ sprach er mit tiefem Ernst, „eine feindliche Kugel da draußen mein Leben enden. In diesem Augenblick fühle ich mehr wie je den innerlich tiefen Zusammenhang, ich möchte sagen, die Blutsverwandtschaft, welche mich, wie alle Könige meines Hauses mit dem preußischen Volk verbindet, und ich möchte all den Meinen ein so recht herzliches Abschiedswort sagen und ihnen auch eine Gabe des Abschieds geben, die beste Gabe, welche mir zu geben mein königliches Recht vergönnt, — ich möchte in dem Augenblick, in welchem ich hinausziehe zu schwerem Entscheidungskampf, hinter mir den Frieden zurücklassen, — den Frieden und die Versöhnung!“
Erwartungsvoll blickte Graf Bismarck mit seinen hellen, klaren Augen den
König an, welcher wie zögernd, als suche er die Worte für seine
Gedanken, sagte:
„Die letzten Jahre haben viel Verwirrung in Deutschland hervorgerufen, manches an sich edle Gefühl hat viele meiner Unterthanen, namentlich meiner neuen Unterthanen auf Irrwege geführt und mit der nothwendigen Strenge der Gesetze in Conflict gebracht — jetzt, wo ganz Deutschland einmüthig in den Kampf hinauszieht, möchte ich dazu beitragen, jenen Verwirrungen Lösung zu bringen im edelsten und besten Sinne, jetzt, wo ich Gott um Beistand anrufe in dem mir aufgedrungenen Krieg, möchte ich auch die herrliche Lehre des Christenthums befolgen, — die Lehre der Vergebung und nach den Worten handeln. Richtet nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet. — Der letzte Abschiedsgruß an mein Volk soll deshalb zugleich eine Amnestie enthalten für alle politischen Verbrechen und Vergehen. Liebe und Versöhnung soll die Vergangenheit abschließen, damit wir freien und leichten Herzens der Zukunft entgegengehen können.“
Er hob den Bogen Papier empor und las langsam, mit tief bewegter Stimme:
„An mein Volk! Indem ich heute zur Armee gehe, um mit ihr für
Deutschlands Ehre und für Erhaltung ihrer höchsten Güter zu kämpfen,
will ich im Hinblick auf die einmüthige Erhebung meines Volkes eine
Amnestie für politische Verbrechen und Vergehen ertheilen.“
„Ich habe das Staatsministerium beauftragt, mir einen Erlaß in diesem
Sinne zu unterbreiten.
„Mein Volk weiß mit mir, daß Friedensbruch und Feindschaft wahrhaftig nicht auf unserer Seite waren.
„Aber herausgefordert, sind wir entschlossen, gleich unsern Vätern und in fester Zuversicht auf Gott, den Kampf zu bestehen zur Errettung des Vaterlandes.“
Er hielt inne und blickte wie fragend auf den Ministerpräsidenten, dessen Züge in mächtiger Rührung zuckten.