Im Wartesaal des Bahnhofes erwarteten den König der
Generalfeldzeugmeister Prinz Carl und der jugendliche Erbgroßherzog von
Mecklenburg-Schwerin, die Prinzen Alexander und Georg, der Admiral Prinz
Adalbert, der Herzog Wilhelm von Mecklenburg mit der Großherzogin
Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin, der Prinzessin Karl und der jungen
Herzogin Alexandrine. Daneben sah man alle in Berlin noch anwesenden
Generale, die Minister, den Geheimrath Abeken, den Legationsrath von
Kendell und neben den königlichen Prinzen den Grafen Bismarck, die
Generale von Roon und von Moltke und den alten Feldmarschall Wrangel;
die Angehörigen der Herren, welche den König begleiten sollten, waren
mit anwesend. Neben dem Grafen Bismarck standen seine Gemahlin und seine
Tochter, in letzter wehmüthiger Unterhaltung mit dem Scheidenden. Neben
dem General von Roon, in seiner ernsten strengen Haltung, sah man seinen
Sohn, der Adjutantendienste bei ihm that — auch viele Damen der übrigen
Minister und der Hofchargen waren anwesend.
Auch diese ganze Gesellschaft war ernst und still, wie über der Bevölkerung von Berlin, so lag auch über diesen höchsten Spitzen des preußischen Staats der tiefe Ernst des Augenblicks.
Der königliche Wagen fuhr an die Rampe, der König stieg aus und reichte dann der Königin die Hand, ihr ebenfalls aus dem Wagen zu helfen. Dann blickte er hin über den mit Menschen dicht besetzten Platz und erhob zum letzten Gruß die Hand.
Jetzt zum ersten Mal wurde das ernste, feierliche Schweigen gebrochen, wie ein einziger Ruf, weithin brausend in gewaltigen Klängen die Luft erschütternd, erhob sich ein dreimal wiederholtes Hurrah. Es war als ob wie aus einem Munde, vom gleichen Pulsschlag bewegt, das Volk den scheidenden König begrüßte.
Dann trat abermals tiefe Stille ein.
Der König winkte noch einmal mit der Hand, gab der Königin den Arm und
wandte sich nach dem Wartesaal hin. Da fiel sein Auge auf einen jungen
Officier mit blassem Gesicht, welcher in einem kleinen Rollwagen auf die
Rampe gefahren war und mit leuchtenden Blicken den königlichen
Kriegsherrn ansah, während er die in unwillkürlicher Bewegung erhobenen
Hände gegen ihn ausstreckte.
Der König blieb einen Augenblick stehen, dann schritt er rasch auf den jungen Mann zu und reichte ihm die Hand, dieser aber faßte sie mit seinen beiden Händen und führte sie an die Lippen, indem Thränen aus seinen Augen stürzten. Dann faßte er sich, richtete sich in seinem Wagen empor und sprach im Ton dienstlicher Meldung:
„Lieutenant von Sierrakowsky, Majestät —“
„Ich weiß, ich weiß,“ sagte der König freundlich, durch einen Wink die Meldung unterbrechend, „ich vergesse die Tapfern nicht, die für mich und das Vaterland geblutet haben — Gott hat Ihnen nicht vergönnt, auch in diesem Kampf mit mir hinaus zu ziehen — aber trösten Sie sich, Sie haben dem Vaterland Ihre Schuld reichlich bezahlt und Beispiele, wie das Ihre, werden neue Helden schaffen.“
„Gott segne Eure Majestät!“ sagte der junge Officier, mit erstickter
Stimme; „Gott segne unsere preußischen Fahnen!“