„Welch eine Anhäufung von Unruhe und Aufregung,“ sagte er mit einem tiefem Athemzug, „die Erwartung wegen des Ausfalls des Plebiscits wäre allein genügend, um mich in Spannung und in diese so schmerzvolle Nervenerregung zu versetzen, — da muß noch dieses Complott hinzutreten, das mir vor zehn Jahren gleichgültig gewesen wäre, das mir auch heute gleichgültig ist, so weit es sich dabei um die Gefahr für mein Leben handelt, — diesem Complott aber liegt eine größere Gefahr zu Grunde. Mein Tod ist nur ein Theil des Plans, den man hier verfolgt, und so abenteuerlich und thöricht diese Absicht der Zerstörung der Tuilerien und der öffentlichen Gebäude im ersten Augenblick erscheinen mag, so liegt darin doch eine tiefe Kenntniß der so scharf concentrirten Zustände. Würde der Streich gelungen sein, so gehörte ganz Frankreich dem Aufstande. Und,“ sprach er dumpf, vor sich hin starrend, „bin ich denn schon sicher, daß er nicht gelingen wird, bin ich sicher, daß was heute verhindert ist, sich nicht morgen wiederholen kann.“

Er blickte lange auf die Photographie, welche er in seiner Hand hielt und prüfte genau mit scharfem forschendem Blick die Züge des Bildes.

„Dieser Mensch,“ sagte er dann, „ist kein Fanatiker, — das ist kein exaltirter Kopf, der aus überspannten Theorien in dem Gedanken sich für eine große Idee zu opfern, zum Mörder wird, — dies Gesicht ist gemein und gleichgültig. Dieser Mensch ist einfach ein Werkzeug — und wenn er unschädlich gemacht wird, kann man Werkzeuge wie ihn überall wiederfinden, — und man wird sie wiederfinden, wenn dieser Zustand dumpfer Gährung weiter besteht, wenn die allgemeine Unzufriedenheit, wenn das allgemeine Gefühl der Erniedrigung Frankreichs, das in der That in diesem Augenblick die öffentliche Stimmung beherrscht, den tollkühnen Unternehmungen der Verschwörer zu Hülfe kommt. Haben nicht vielleicht Diejenigen doch Recht,“ sagte er in tiefem Gedanken, „welche mir rathen, durch eine militairische Aktion das Gefühl der Nation wieder mit dem Kaiserthum zu verbinden.“

Er warf die Photographie auf den Tisch und ging die Hände auf den Rücken gelegt, den Kopf tief auf die Brust gesenkt mehrere Male langsam im Zimmer auf und nieder.

„Eine glänzende Action,“ sagte er dann — „ja — aber wenn sie nicht glänzend wäre — wenn das launenhafte Glück nicht über meinen Fahnen schwebte — was dann? Dann würde all das Unheil, welches jetzt unter der Oberfläche glimmt, in hellen Flammen emporlodern, und diese Flammen würden über den Trümmern meines Gebäudes zusammenschlagen — warum aber soll das Glück sich von mir wenden?“ rief er dann stehen bleibend und den aufleuchtenden Blick seines großen geöffneten Auges auf eine Marmorbüste Cäsars richtend, welche auf schwarzem Fuß in der Nähe seines Schreibtisches stand. „War es mir doch bisher günstig wie jenem Römer, dem Vorbild meines Hauses, der zwar unter den Dolchen der Verschwörer fiel, auf dessen Thaten aber sich der glänzende Thron des Augustus erbaute, — warum vermag ich nicht mehr an mein Glück zu glauben — wenn dieses Plebiscit günstig ausfällt, so steht ja wieder der Wille der ganzen Nation hinter mir, und auf diese neue Kraft gestützt, sollte ich es wohl wagen können, dem Glück zu gebieten, denn das Glück beugt sich dem kühnen Muth und dem festen Entschluß, — aber wenn das Plebiscit ungünstig ausfällt,“ sprach er, wieder in sich zusammensinkend, mit dumpfem traurigem Ton. „Doch nein,“ rief er dann, „nein, das ist unmöglich, Alles ist gut vorbereitet, und die ersten Nachrichten über den Erfolg der Abstimmungen lauten überraschend günstig.“

Er trat an den Tisch und durchblätterte die auf demselben liegenden Telegramme. Dann nahm er einen Bleistift, schrieb einige Zahlen ab und addirte dieselben.

„Paris,“ sagte er, „Marseille, Toulouse, Bordeaux, die schlimmsten
Städte haben abgestimmt, und dennoch ergiebt sich nach den vorliegenden
Nachrichten bereits eine Summe von einer Million 400,000 Stimmen für
„Ja“ und nur 200,000 für „Nein.“ Wenn es so weiter geht, so ist der Sieg
gewiß.“

Der Dienst thuende Kammerdiener meldete den Groß-Siegelbewahrer.

„Er ist willkommen,“ rief der Kaiser lebhaft und ging rasch nach der
Thür hin, durch welche Herr Ollivier lächelnd und freudig bewegt
eintrat. Er ergriff mit tiefer Verneigung die dargebotene Hand des
Kaisers, zog dann einige Telegramme aus seiner Tasche und rief, ohne die
Anrede seines Souverains abzuwarten:

„Alles geht vortrefflich, Sire, bis heute morgen war das Resultat von hundertundsechzig Wahlbezirken bekannt. Die Zahl der eingetriebenen Wähler betrug 3,671,400 davon haben 2,614,000 mit Ja gestimmt und 432,000 mit Nein. So eben,“ fuhr er fort, „habe ich dieses zweite Telegramm erhalten, nach welchem nunmehr bis auf sechsundzwanzig Wahlbezirke die Resultate sämmtlich bekannt sind. Für Ja stimmten hiernach 6,399,000, mit Nein 1,349,000. Die Stimmen der Armee und der Marine und der Bevölkerung von Algier sind hierbei noch nicht mitgerechnet; da die Gesammtzahl der Stimmenden ungefähr auf acht bis zehn Millionen anzuschlagen ist, so ist eine colossale Majorität bereits gesichert.“