Einige Augenblicke blieb er so schweigend und unbeweglich, während sie mit den welken, zitternden Händen über sein volles Haar hinstrich. Dann erhob er den Kopf und sah sie sorgenvoll und fragend an.

„Aber der Oheim,“ fragte er, „was wird er dazu sagen?“

„Das wird einen harten, schweren Kampf kosten,“ sagte die alte Frau, den Kopf schüttelnd, „er wird sich so leicht nicht von hier trennen und so leicht auch nicht damit einverstanden sein, daß Du die alte Heimath verläßst — aber,“ sagte sie dann lächelnd nach einigen Augenblicken des Nachdenkens, „der Oheim hat ein gutes, weiches Herz, er liebt Dich wie seinen eigenen Sohn, und wenn er sich überzeugt, daß diese Verbindung Dein Glück ist, so wird auch er zuletzt seine Zustimmung nicht versagen. Laß mich das nur machen, sage Du ihm nichts, ich verstehe ihn zu behandeln, wenn er sieht, das es Dein Ernst ist, so wird er die Reise nicht scheuen, um sich selbst von Allem zu überzeugen, und wenn sich Alles gut fügt, so könnt Ihr ihn ja jedes Jahr hier besuchen, so lange er noch die Kraft hat, seine Wirtschaft zu führen — wer weiß, ob er sich dann nicht auch entschließt, die Menschen und die lebendige Liebe seiner Kinder höher zu stellen, als dieses Haus, und diesen Hof. Wenn er auch Alles äußerlich ruhig hinnimmt und wenig spricht, so weiß ich doch, daß die neuen Verhältnisse hier im Lande ihm wehe thun und ihm den Aufenthalt hier verleiden. Ueberlaß das der Zeit, mein Sohn, und dem lieben Gott, der Alles nach seiner Weisheit fügen wird. Zuerst aber laß mich die Sache dem Oheim mittheilen, ich werde den ersten Sturm seiner Heftigkeit schon auszuhalten wissen.“

„Doch nun, Mutter,“ sagte der junge Mann, indem ein Ausdruck tiefer Traurigkeit auf seinem Gesicht erschien, „muß ich Euch noch etwas sagen, das mir vielen Kummer macht, so große Hoffnungen mir auch Eure liebevollen und freundlichen Worte gegeben haben, — ich habe,“ fuhr er fort, „gleich nach meiner Ankunft hier an meine Braut geschrieben, — ich habe nochmal und nochmal geschrieben, aber bis jetzt habe ich keine Antwort erhalten, — und sie muß doch wissen, wie sehr ich mich nach einem Lebenszeichen, nach einem Gruß von ihr sehne, und wäre es nur eine Zeile, nur ein Wort, das mir eine Botschaft ihrer Liebe brächte — aber nichts, gar nichts,“ — sagte er mit schmerzlich zitternder Stimme. „Was kann das bedeuten, ich habe sie gebeten, wenn sie krank wäre, mir durch ihren Vater Nachricht geben zu lassen, — ich weiß nicht, was ich davon sagen soll,“ fügte er traurig den Kopf schüttelnd hinzu.

„Bist Du der Liebe Deiner Erwählten ganz sicher,“ fragte die Alte, „kannst Du ihrer Treue und Beständigkeit vertrauen, — oder kannst Du Dir irgend eine Veranlassung denken, durch welche sie verhindert sein könnte, Dir Nachricht zu geben.“

„Oh,“ rief der junge Mann mit lauter Stimme, den Blick voll glühender Begeisterung auf seine Mutter richtend, „ich bin ihrer sicher, wie meiner selbst! Sie ist treu wie Gold, auf ihr Wort würde ich Häuser bauen. Auch kann keine äußere Veranlassung sie abhalten, — ich habe mit ihrem Vater gesprochen, er hat unserer Verbindung seinen Segen gegeben, sie konnte offen und ohne Scheu an mich schreiben und dennoch, dennoch,“ sagte er, wieder finster zu Boden blickend, „keine Nachricht trotz aller meiner Bitten, keine Antwort, — oh, es muß ein großes Unglück geschehen sein, sie muß sehr krank oder todt sein, und ihr Vater wagt es nicht, mir diese schmerzvolle Nachricht zu geben.“

„Sei ruhig, mein Sohn“ sagte die Alte, „bei einer so weiten Entfernung kann ja alles Mögliche geschehen, wie leicht kann ein Brief verloren gehen — Alles wird sich aufklären, — sei ruhig, — wenn Du sie kennst und ihres Herzens sicher bist, so darfst Du Dich nicht in unnützer Unruhe aufregen. Du hast ja jetzt mich, Deine Mutter, in deren Herz Du alle Deine Sorgen ausschütten kannst. Laß mich erst mit Deinem Oheim sprechen. Vielleicht,“ sagte sie, wie von einem Gedanken erfaßt, „erwartet ihr Vater erst die bestimmte Mittheilung von der Einwilligung Deiner Angehörigen, bevor er ihr erlaubt, zu schreiben, — ja, ja,“ sagte sie, „so wird es sein; und ich muß sagen,“ fuhr sie immer zuversichtlicher und heiterer fort, „ich würde ihrem Vater ganz Recht geben, — er weiß ja nichts von Deiner Familie, und Du hast ihm auch noch nicht sagen können, daß dieselbe mit Deiner Wahl einverstanden ist.“

„Ja“ sagte der junge Mann sinnend, „so könnte es sein — das wäre möglich“ — und wie getröstet durch den von seiner Mutter angeregten Gedanken, richtete er sich empor und ging einige Male im Zimmer auf und nieder.

„Ich will es Ihnen ganz überlassen, Mutter,“ sagte er dann, „mit dem Oheim zu sprechen. Ich weiß ja, Sie werden es viel besser und geschickter machen, als ich, — aber nun erlauben Sie mir auch, meiner Geliebten sogleich zu schreiben, daß Sie wenigstens mit meiner Wahl einverstanden sind. Und nicht wahr,“ fügte er schmeichelnd über das Gesicht der alten Frau streichelnd, hinzu, „Sie werden einige freundliche Worte unter meinen Brief schreiben — sie versteht zwar nicht deutsch, aber sie wird schon Jemanden finden, der ihr das übersetzt, und dann wird ihr Vater sehen, daß auch hier Alles in Ordnung ist, und wird ihr erlauben, mir zu antworten.“

Die alte Frau versprach ihm lächelnd, seiner Geliebten zu schreiben, und dann setzte er sich zu ihr und plauderte lange mit ihr, und er erzählte von seiner Geliebten, ihren schönen treuen Augen — ihrer süßen Stimme, von dem alten Hause in St. Dizier, von den kreidereichen Weinbergen der Champagne und von den grünen Ufern der Marne, — er malte ihr so glückliche freundliche Bilder der Zukunft aus, wie sie dort bei ihm leben würde, wie seine Luise sie pflegen und wie sie dann die kleinen Enkel hüten und erziehen würde, daß die alte Frau ganz selig und stolz sich mit ihm in diese lieblichen Zukunftsträume vertiefte.