„Aber wie wollen Sie denn, — —“ fiel der Kaiser ein, indem er den Herzog fragend ansah.
„Sire,“ sprach der Minister lebhaft weiter, „nicht darin, daß die spanische Nation ihr Recht, sich einen König zu wählen, frei ausübt, liegt eine Gefahr für Frankreich, sondern darin, daß ein Prinz des preußischen Königshauses eine solche Wahl annimmt, und daß in Folge dieser Annahme später die preußische Politik im Fall feindlicher Beziehungen zu Frankreich in Madrid Rückhalt und Unterstützung finden wird.“
Der Kaiser neigte mit einem feinen Lächeln das Haupt und strich mit der
Hand über das Kinn.
„Ich verstehe,“ sagte er leise.
„Mir scheint deshalb,“ fuhr der Herzog fort, „daß wir nicht den Spaniern verbieten sollen, sich irgend einen König zu wählen, sondern daß wir uns an den Punkt wenden müssen, wo die Gefahr für uns liegt, und daß wir vom Könige von Preußen verlangen müssen, er solle dem Prinzen von Hohenzollern die Annahme der spanischen Krone verbieten.“
Der Kaiser wiegte gedankenvoll den Kopf hin und her.
„Dadurch enthalten wir uns,“ fuhr der Herzog fort, „jeder Beleidigung der spanischen Nation, jedes Eingriffs in das nationale Selbstbestimmungsrecht — wir folgen dem Zuge der öffentlichen Meinung in Frankreich, welche sich nicht gegen Spanien, sondern ausschließlich gegen Preußen richtet und in der ganzen Candidatur des Erbprinzen von Hohenzollern nur eine Intrigue des Grafen Bismarck erblickt, — wir haben außerdem die Chance des Erfolges für uns, denn ich glaube nicht, daß man in Berlin geneigt sein wird, um dieser Frage willen einen ernsten Conflikt entstehen zu lassen. Und endlich,“ fügte er mit Betonung hinzu, „wird sich durch diese Behandlung der Sache, die so oft vergebens gesuchte Gelegenheit finden, der Welt zu zeigen, daß der Schwerpunkt der öffentlichen Angelegenheiten Europas noch nicht definitiv von Paris nach Berlin verlegt worden ist. Der Rückzug, welchen die preußische Politik in dieser Sache zweifellos antreten wird, kann der öffentlichen Meinung Frankreichs als ein großer moralischer Sieg dargestellt werden und dies wird das schwer erschütterte Prestige mit einem Schlage wieder herstellen. Wenn in Folge unserer Intervention die Candidatur des Erbprinzen von Hohenzollern zurückgezogen werden muß, so wird dies der Regierung Eurer Majestät ebenso viel nützen, als eine gewonnene Schlacht oder die Erwerbung von Compensationsobjecten, zu welcher bisher der vergebliche Versuch gemacht wurde.“
Er schwieg und blickte erwartungsvoll und forschend auf den Kaiser.
Napoleon stand langsam auf, ging einige Male im Zimmer auf und nieder und blieb am Fenster stehen, sinnend auf seine Rosenbeete hinausblickend. Dann wandte er sich, die Hand auf die Fensterbrüstung gestützt, zum Herzog zurück und sprach:
„Es liegt viel Wahres in dem Gedanken, den Sie da so eben ausgesprochen haben. Es wäre vielleicht eine Angelegenheit um die Vergangenheit zu verbessern. Das Ganze würde freilich,“ sagte er achselzuckend, „im Wesentlichen nur ein Theatercoup sein. Aber,“ fügte er hinzu, „die öffentliche Meinung wird ja doch nur durch solche Theatercoups bestimmt, und es ist jedenfalls am besten, wenn man sie ausführen kann ohne ernsthafte Gefahr. Doch,“ sagte er dann mit tiefem Ernst, „sind wir vor solcher Gefahr sicher, sind wir vollkommen gewiß, daß wir in Preußen nicht auch diesmal wie so oft vorher auf einen bestimmten und festen Widerspruch stoßen werden, daß sich aus der Sache nicht ein wirklicher und ernster Conflikt entwickelt, den ich in diesem Augenblicke um keinen Preis heraufbeschwören möchte.“