Er war ein kleiner Mann von einundsechzig Jahren, dessen ganze Erscheinung trotz der etwas lebhaften und nervösen unruhigen Bewegung noch ein wenig den Stempel des geistlichen Standes trug, für den er sich in seiner Jugend bestimmt hatte. Sein blondes Haar und sein kleiner blonder Schnurrbart erschienen noch wenig ergraut, und aus seinen lebhaften, scharf blickenden Augen blitzte das Feuer jugendlicher Frische.

„Guten Morgen, mein lieber Abeken,“ sagte der König, freundlich mit dem Kopf nickend und seinen langjährigen vertrauten Diener, der ihn als vortragender Rath des auswärtigen Ministeriums auf allen seinen Reisen begleitete, die Hand reichend. „Setzen Sie sich, theilen Sie mir mit, was Neues von Berlin gekommen ist. Ich muß Sie übrigens bitten,“ sagte er schalkhaft lächelnd — während Herr Abeken einen Sessel heranzog und seine Mappe öffnete — „daß Sie die Leute nicht im Schlaf stören —“

Herr Abeken sah ganz erstaunt den König an.

„Ich wüßte nicht, Majestät.“

„Lauer hat sich beklagt,“ fuhr der König in demselben scherzhaften Ton fort, „daß Sie und St. Blanquart am späten Abend und am frühesten Morgen schon wieder ihn fortwährend mit dem monotonen Geräusch der Lectüre der Zahlen des Depeschenchiffres verfolgen.“

„Nun Majestät,“ sagte Herr Abeken lächelnd, „ich hoffe, daran wird sich
Herr von Lauer gewöhnen, wie man sich an das Geräusch einer Mühle
gewöhnt, und wenn er nach Berlin zurückkommt, wird er das
Dechiffrirbureau neben seinem Zimmer vermissen.“

„Wie steht die Hohenzollersche Angelegenheit in Berlin,“ fragte der König. „Sie wissen, daß Benedetti angekommen ist, es scheint, daß es da einige Weitläufigkeiten geben wird.“

„Herr von Thiele berichtet, Majestät,“ sagte der Geheimrath Abeken, indem er einen Bericht aufschlug, den er aus seiner Mappe genommen hatte, „daß der französische Geschäftsträger Le Sourd eine äußerst scharfe und bestimmte Sprache führe und erklärt habe, daß die französische Regierung unter keiner Bedingung die Thronbesteigung des Prinzen von Hohenzollern in Spanien dulden könne. Und diese Sprache des Geschäftsträgers zusammengehalten mit den Aeußerungen des Herzogs von Gramont im Corps legislatif flößen Herrn von Thiele die äußersten Besorgnisse ein, und er fürchtet, daß in Paris ein Hintergedanke bestehe. Der Legationsrath von Kendell ist nach Barzin gegangen, um dem Grafen Bismarck persönlich über die Sache Bericht zu erstatten und demselben den Wunsch auszusprechen, daß er, wenn möglich unter diesen Umständen nach Berlin zurückkehren möchte.“

„Der arme Bismarck,“ sagte der König, „er hat seine ländliche Ruhe so nöthig, und ich gönne sie ihm so von Herzen nach all' den Arbeiten, die er den Winter über gehabt hat. Aber freilich,“ fuhr er fort, „wenn die Sache, was ich noch immer nicht glauben kann, irgend wie ernsthaft werden sollte, so wird er seine Sommerruhe wohl unterbrechen müssen. Ich kann ja auch hier nicht ohne Minister auf irgend welche politische Verhandlungen wirklich eingehen, doch vermag ich in der That kaum abzusehen —“ er schwieg einen Augenblick.

„Was haben Sie sonst noch?“ fragte er.