Die Morgenpromenade in Ems war beendet. Langsam und nachdenklich kehrte Graf Benedetti nach seiner Wohnung in der Stadt Brüssel zurück.

Sein Kammerdiener übergab ihm zwei für ihn eingegangene Depeschen. Benedetti trat in sein Zimmer, und reichte seinem Secretair, welcher ihn erwartete die beiden Telegramme. Dieser zerriß hastig die Umschläge und öffnete den großen Folioband, der den Chiffre des Botschafters enthielt, um die Depeschen zu dechiffriren.

Hier in seinem Zimmer verschwand von dem Gesicht Benedetti's jene gleichgültige, höfliche, freundliche und undurchdringliche Ruhe, welche sonst Alles verhüllte, was in seinen Gedanken vorging. Heftig bewegt schritt er auf und nieder, sein blasses Gesicht zuckte in nervöser Aufregung und seine sonst so klaren, unzerstörbar, heiteren Augen blickten trübe und sorgenvoll vor sich hin.

„Welch eine furchtbare Verantwortung liegt auf meinem Haupt,“ sagte er, „ich fühle, daß der Faden der Unterhandlungen mir entschlüpft, weil man ihn in Paris so scharf anzieht, daß es in der That kaum mehr möglich ist ein anderes Ende, als den Bruch vorherzusehen — den Bruch — das heißt einen Krieg, wie er seit Generationen Europa nicht erschüttert hat; das heißt ein Meer von Blut, das heißt, die Zerstörung so vieler Güter, welche der Fleiß und die Arbeit langer Jahre geschaffen haben.

Was will man in Paris?“ fuhr er fort, indem er die Hand vor die Stirn legte und unruhig nachdenkend schnell auf und nieder ging. „Will man den Krieg? Das ist ja beinahe unmöglich, so wie ich den Kaiser kenne, — er hat viele bessere Gelegenheiten vorübergehen lassen, wie sollte er jetzt die Dinge auf's Äußerste treiben wollen. Sollte man aber wirklich den Krieg wollen — warum es mir verheimlichen? Warum mich diese traurige und undankbare Rolle eines Ueberlästigen spielen lassen? Warum diese unklare Verworrenheit, welche nur dahin führen kann, daß der Bruch, wenn er erfolgt, uns vor den Augen von ganz Europa als die absichtlichen Friedensstörer hinstellt? Warum ist man da nicht gleich mit einer klaren bestimmten Forderung hervorgetreten, die wenigstens zu einem würdigen Abbruch der Verhandlungen hätte führen können? Ich habe,“ sprach er weiter, indem er an das Fenster trat und auf die Straße hinabblickte, „ich habe auf die coulanteste und freundlichste Weise das erste Ziel meiner Mission erreicht — die Zurücknahme der Hohenzollerschen Candidatur unter Autorisation des Königs. Nun steigert man successive die Forderungen — giebt es einen Diplomaten in der Welt, der im Stande wäre, eine solche Negotiation zu einem günstigen und würdevollen Ende zu führen? Man verlangt die Erklärung des Königs, daß er für alle Zukunft eine Wiederaufnahme der jetzt gescheiterten Combination nicht erlauben werde. Eine solche Erklärung hätte sich erreichen lassen, wenn man nicht zugleich die Aufregung in Frankreich begünstigt hätte, wenn man sich größere Reserve bei den Erklärungen im Corps legislatif auferlegt hätte, wenn man das persönliche Gefühl des Königs und den nationalen Stolz in Deutschland nicht verletzt hätte, jetzt aber nach der kurzen Unterredung, die ich so eben mit dem Könige auf der Brunnenpromenade gehabt, ist an Erfüllung dieser Forderung garnicht zu denken. Und wenn sie nicht erfüllt wird,“ sagte er seufzend, „nachdem man einen so starken Anlauf genommen, nachdem man so hohe Worte gebraucht hat, so ist der Krieg unvermeidlich — die Welt wird diesen Grund desselben kaum verstehen, mag man nun den Bruch gewollt haben, oder mag man ohne Willen und Plan zu demselben hingetrieben werden.

Was telegraphirt der Herzog?“

Der Secretair hatte die beiden Depeschen dechiffrirt und reichte sie dem
Botschafter.

Dieser durchflog raschen Blickes die Telegramme, seufzend warf er sie auf den Tisch.

„Die Festigkeit meiner Sprache,“ sagte er bitter lächelnd, „soll nicht dem Ernst der Situation entsprechen. Aber, mein Gott, vergißt man denn in Paris ganz, daß es sich hier um keine Unterhandlungen mit dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten handelt, sondern daß ich in unmittelbarem persönlichem Verkehr mit dem Souverain stehe? Man kann doch unmöglich von mir verlangen, daß ich die Formen verletzen sollte, welche für diesen Verkehr maßgebend sind. Ich muß noch einen Versuch machen, — vielleicht hat die Bitte, welche ich dem Könige durch den Prinzen Radziwill aussprechen ließ, irgend einen Erfolg, vielleicht entschließt sich der König, irgend ein Wort zu sagen, welches man in Paris als genügend annehmen möchte, wenn der Grundgedanke des Kaisers wirklich ist, den Frieden zu erhalten.“

Der Kammerdiener meldete den Flügeladjutanten Seiner Majestät des Königs von Preußen, und einen Augenblick darauf trat der Oberstlieutenant Prinz Radziwill, ein noch junger, schlanker Mann mit militairisch geschnittenem vollem Bart in Civilmorgenanzug in das Zimmer.