Wenn »M« über die Psychologie von »W« »Enthüllungen« zu machen im Begriffe ist, pflegt er manchmal von einer Art Gewissensbissen befallen zu werden, leisen Zweifeln an der Richtigkeit der abgegebenen lapidaren Urteile. Woher und wieso »M« überhaupt imstande sein soll, die geheimsten psychischen Vorgänge im Weibe zu »enthüllen«, darauf hat Weininger natürlich seine Antworten.

Das Recht dazu gebe ihm nämlich erstlich die Frau selbst, da sie entweder Falsches von sich aussage oder überhaupt nichts zu sagen wisse; so habe z. B. noch keine Frau ihre Empfindungen und Gefühle während der Schwangerschaft zum Ausdruck gebracht; Scham hätte sie gewiß nicht daran gehindert, fährt er fort, denn nichts läge einer schwangeren Frau ferner als Scham über ihren Zustand. Wie schamlos es von Seite des Mannes wäre, diese Scham zu erwarten, scheint er aber gar nicht zu ahnen!

Daß sich in früheren, unfernen Zeiten ein wahrer Sturm gegen eine Frau erhoben hätte, die es gewagt hätte, ohne Pseudonym literarische Bekenntnisse über den Zustand ihrer Schwangerschaft zu geben, ignoriert er vollständig; auch daß sich in der kurzen Epoche, da überhaupt realistische Darstellungen der Lebensvorgänge, wie sie sich bar aller verlogenen Illusionen wirklich abspielen, in der Literatur sich Raum verschafft haben, auch die Frauen – oft mit wenig Talent, oft aber auch mit geradezu elementarem Talent und wahrhaft unerschrockenem Mut – sich daran beteiligt haben, daß gerade über diesen Gegenstand von Seite von Ärztinnen, Dichterinnen, Sozialreformerinnen und Nationalökonominnen bereits eine kleine Literatur vorliegt, scheint er gar nicht zu wissen.

Ebenso fest fundiert ist auch die andere Antwort, die auf die Frage, woher die Möglichkeit solcher Enthüllungen dem Manne kommen solle, gegeben wird: aus dem, was in den Männern selbst an »W« ist!

Nun, gerade über das Phänomen der Schwangerschaft dürfte sich von diesem »W« (im »M«) kaum Verläßliches aussagen lassen!

Und auf Grund dieses erbrachten »Befähigungsnachweises« wird nun in der Tat »ausgesagt«.

Vor allem wird der »psychologische Unterschied zwischen M und W« nach weitschweifigen Auseinandersetzungen über deren physiologische »Unterschiede« – kurz und bündig, ohne Beweise, wohl aber mit einer Fülle falscher Behauptungen – damit erklärt, W gehe vollständig im Geschlechtsleben, »in der Sphäre der Begattung« auf, während M noch für eine Menge anderer Dinge Interesse habe: »für Kampf und Spiel, Geselligkeit und Gelage, Diskussion und Wissenschaft, Geschäft und Politik, Religion und Kunst.«

So?! Nur »M« hat für diese Dinge Interesse?! Und wenn ich als Frau (mit tausenden anderen Frauen) auf diese kühne Behauptung, die allein die Trägerin der These sein soll, W sei ganz und gar Sexualität und sonst nichts, – wenn ich nun daherkomme – und aussage und beweise, daß ich ebenfalls »ausgefüllt und eingenommen bin« von all diesen Dingen, ja gerade von diesen Dingen, von Kampf und Spiel, von Geselligkeit und Gelage, – jawohl! – von Diskussion und Wissenschaft, von Geschäft und Politik, von Religion und Kunst, – jawohl! – und nicht eine dieser Interessen aus meinem Leben scheiden könnte, – was dann?

Dann – ja dann ist nicht etwa die These falsch und flach und hohl – sondern ich und die Tausende von andern Frauen, die mit mir daherkamen, sind eben keine »echten« Frauen, sondern nur zu zwei Dritteln oder gar nur zur Hälfte Frauen! – Einen bequemeren und platteren Schild hat kaum irgend jemand sich jemals geschmiedet! – Daß man von einer »Echtheit«, das heißt hier Kulturfremdheit und Verwilderung, die von Tag zu Tag seltener wird und deren vollständiges Verschwinden eben nur von der Eroberung größerer Bildungsmöglichkeiten abhängt, – nicht ausgehen darf, um ein »Gesetz« aus ihr zu konstruieren, das für Millionen Exemplare, die dieser »Echtheit« längst entsprungen sind, Gültigkeit haben soll, – das ist so flach auf der Hand liegend, daß es beinahe eine Schande ist, es erst zu explizieren. Überhaupt wird Weiningers Polemik in dem Moment, wo sie aus den Grenzen der reinen Spekulation heraustritt in den Kreis der Erfahrungen, der Tatsachen, des sichtbarlich Wahrnehmbaren erstaunlich platt. So heißt es gleich nach der so fest fundierten Behauptung, W gehe ganz und gar in der Sexualsphäre auf, – an Entwicklung möge glauben wer da wolle, nur darauf komme es an, wie sie (die Frauen, an anderer Stelle die Juden) heute sind. So? Nur darauf kommt es an, wie sie heute sind? Nicht etwa auch darauf, wie sie wurden und wie sie sichtlich werden? – In rasender Rotation bewegen sich die Gestirne, Glühendes erstarrt, Starres wird flüssig, Flüssiges verdampft, Äonen türmen Gebirge auf und waschen sie wieder fort, Meere werden zu Land und Länder zu Meer, tausende Formen durchläuft das Leben, ehe die primitive Zelle in komplizierter Vielfältigkeit triumphiert, alles wandelt sich ruhlos, alles wird, wächst, schwindet, kehrt wieder, – nirgends Stillestehen und Ende, – »alles fließt« – und im Buche eines Gelehrten des XX. Jahrhunderts wird Wandlung durch Entwicklung – bezweifelt!