Gabrielens Spitzen
Zwei Novellen
von
Grethe Auer
Egon Fleischel & Co. / Berlin / 1919
Alle Rechte, besonders das
der Übersetzung, vorbehalten
Amerikanisches Copyright 1919
by Egon Fleischel & Co., Berlin
Mit der ersten Auflage dieses Werkes
wurden fünfzig Exemplare auf
Büttenpapier gedruckt und von der
Verfasserin numeriert und gezeichnet
Inhalt
| Seite | |
| [Gabrielens Spitzen] | [1] |
| [Die Tugend der Sabine Ricchiari] | [77] |
Gabrielens Spitzen
Die Frau, von der ich jetzt erzählen will, war eines Schreibers Tochter in einer rheinischen Stadt, in der die Üppigkeit eines kleinen Fürstenhofes, Kunstsinn einer altangesessenen und wohlhabenden Bürgerschaft und natürliche Leichtlebigkeit und Anmut der unteren Bevölkerungsschichten zusammenwirkten, um einen für jene Zeit bedeutenden Grad von Sinnenkultur hervorzubringen. Es haben Männer aus jener Stadt später oft führende Stimmen im Rat der hohen Kunst besessen; oft hat sie Feldherren gestellt in den Kampf eines neuen Kunstgedankens gegen einen alten. Doch das tut nichts zur Sache. Was uns angeht – in jenem ersten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts – ist nur eine gewisse Feinheit und Freiheit der Lebensauffassung, eine gewisse Veredlung alles Trieblebens durch echtes Schönheitsempfinden, die durch alle Schichten der Bevölkerung zu bemerken waren und die es einem armen Schreiberskinde ermöglichten, eine Künstlerin zu sein.