Daß dem Beamten mein Schrecken nicht aufgefallen ist, war ein Wunder, und mir war etwas übel zumute, als ich durch die beiden wachthabenden Polizisten am Eingang des Bahnhofes, die mich scharf musterten, hindurchschritt.
Bei meiner Flucht hatte ich einen blauen Zivilanzug angezogen, den ich mir seinerzeit in Schanghai hatte machen lassen, und den schon in Schanghai Herr Brown und Scott, später der Millionär McGarvin getragen hatte, der dann an einen gewissen Schlosser, später Schloßherr Ernst Suse vermacht worden war, dann wieder bessere Tage erlebte, als ein deutscher Seeoffizier ihn anzog, und nun sein Dasein auf dem Leibe des Dockarbeiters George Mine beendete. Unter dem Jackett hatte ich einen blauen Mannschaftssweater, den eine unserer gefangenen Matrosenordonnanzen in Donington Hall mir geschenkt hatte. In der Tasche trug ich eine alte zerfranste Sportmütze, ein Taschenmesser, Taschenspiegel, Rasierapparat, ein Stück Bindfaden und zwei Taschentücher vorstellen sollende Lappen. Ferner besaß ich das stolze Vermögen von hundertzwanzig Schilling, die ich mir erspart und zusammengepumpt hatte. Pässe und Papiere, die jetzt in England selbst jeder Engländer haben mußte, habe ich niemals besessen.
Nun ging ich an die Themse zu einer entlegenen Stelle. Mein schöner weicher Hut flog durch Zufall von der London-Bridge ins Wasser, Kragen und Schlips folgten an einem anderen Orte nach, ein schöner vergoldeter Knopf prangte herrlich vorne in der grünen Hemdprise (Marke Knopfzwang), dann wurden die Haare schwarz und schmierig von einer Mischung aus Vaseline, Stiefelwichse und Kohlenstaub, die Hände sahen bald aus, als wenn sie niemals mit Wasser in Berührung gekommen wären, und zu guter Letzt wälzte ich mich auf einem Kohlenhaufen tüchtig herum, und schon war der streikende Dockarbeiter G. Mine fertig.
So konnte man in mir wirklich keinen Offizier vermuten, am allerwenigsten aber von „smart” und „dapper” sprechen. Ich glaube meine Rolle gut gespielt zu haben, und nachdem ich erst den inneren Ekel vor meiner Umgebung und soviel Dreck überwunden hatte und mich erst sicher fühlte, konnte ich wirklich nur als das angesehen werden, wofür ich mich ausgab: als fauler, dreckiger Dockarbeiter oder Segelschiffsmatrose.
Steckbrief, eine Woche nach der Flucht
Mit meiner Mütze frech im Genick, vor Schmutz starrend, die Jacke offen, den blauen Seemannssweater und als einzige Zierde den Kragenknopf zeigend, mit den Händen in den Taschen, pfeifend und spuckend und mich überall herumlümmelnd, wie ich es zu tausenden Malen in allen Hafenstädten der ganzen Welt von den Matrosen gesehen hatte, trieb ich mich tagelang in London herum, ohne auch jemals nur den leisesten Verdacht bei irgendeinem Menschen zu erwecken, daß ich etwas anderes sei, als wonach ich aussah.
Darauf beruhte überhaupt mein ganzer Plan.
Die einzigste Möglichkeit, unentdeckt zu bleiben, war die, mich so zu benehmen und so auszusehen, daß ich niemals den leisesten Verdacht erweckte. Es durfte überhaupt niemals so weit kommen, daß ein Mensch auf mich aufmerksam wurde, und wenn ein Polizist mich erst gefragt hätte, wer ich sei, hätte ich nur meinen richtigen Namen angeben können. Daher war es auch vollkommen unnötig, daß meine Steckbriefe meine Tätowierung auf dem Arm immer wieder als Schlüssel zur Entdeckung erwähnten. Wenn es erst so weit kam, dann war längst vorher schon alles verloren.