Welch wunderbare Begegnung in über dreitausend Metern Höhe! Weitab von allem Menschengetriebe, hoch über des Alltags Sorge und Last trafen sich die beiden Maschinen, die so beredt von Deutschlands Kraft und Können zeugten.

Wir umkreisten den großen Bruder einige Male und winkten ihm mit den Händen ein stummes „Glück ab” zu!

Dann fing der Ernst für uns wieder an. Und unermüdlich mußten wir arbeiten, um unser Ziel zu erreichen. Nach einer Stunde hatten wir viertausendachthundert Meter erreicht, dann kamen viertausendneunhundert, mein Barograph zeigte bald fünftausend, und immer noch brummte der Propeller seine gleichmäßige Melodie. Ruhig und sicher zog Linnekogel seine Kreise. Das Thermometer zeigte bereits minus siebenunddreißig Grad Celsius, aber wir achteten der Kälte nicht. Nur die Luft wurde etwas knapp. Ein leises Gefühl der Müdigkeit beschlich mich, und die Lungen arbeiteten nur noch in ganz kurzen schnellen Stößen. Jede Bewegung war beschwerlich. Und selbst das einfache Umdrehen nach dem hinter mir sitzenden Führer war mit großer Anstrengung verbunden.

Der Himmel war inzwischen herrlich geworden. Die Wolkenbänke hatten sich verzogen, und wunderbar klar lag unter uns Berlin und seine Umgebung. Nur so groß wie eine Handfläche sah die Weltstadt aus dieser enormen Höhe aus. Ein schwarzer Fleck, in dem man aber klar und deutlich die Straße Unter den Linden und die daran schließende Charlottenburger Chaussee verfolgen konnte.

Von diesem wunderbaren Anblick gänzlich hingerissen, hatte ich längere Zeit nicht auf Uhr und Barograph acht gegeben, und voll Schrecken entsann ich mich meiner Pflichtvergessenheit. Zwanzig Minuten waren etwa vergangen, seitdem ich das letztemal nachgesehen hatte, daß mein Barograph auf fünftausend Meter stand, und jetzt mußte eigentlich das Ziel erreicht sein. Aber wie wurde ich enttäuscht, als mein Zeiger immer noch auf fünftausend stand. Dabei fing Linnekogel an, mir Zeichen zu machen, den Flugplatz zu suchen, und deutete mit der Hand nach unten. Nein, das war mir doch zu arg. Ärgerlich drehte ich mich um, und als Linnekogel dieses nicht sah, versetzte ich ihm einen nicht gerade sanften Tritt gegen sein Schienbein. Dabei hielt ich ihm meine gespreizten fünf Finger vor die Nase und deutete mit der Hand nach oben. Das sollte heißen: Höher, höher, wir sind ja erst fünftausend Meter!

Linnekogel lachte nur, er ergriff meine Hand, schüttelte sie kräftig und zeigte mit der Rechten zweimal fünf. Ich dachte erst, der hat einen Klaps. Und dies wurde noch bestärkt, als Linnekogel den Motor abstellte und in einem steilen Gleitfluge (wir waren senkrecht über Potsdam) in gerader Linie dem Flugplatz Johannisthal zuraste. Nun hieß es für mich aufpassen, den Flugplatz finden. Und glücklich standen wir sechzehn Minuten später vor den Rumplerwerken, freudig begrüßt von den Zuschauern.

Es war erreicht! Der Welthöhenrekord war mit fünftausendfünfhundert Metern gebrochen.

Eine Stunde fünfundvierzig Minuten hatte im ganzen die Fahrt gedauert. Stolz standen wir unter unseren untengebliebenen Mitmenschen. Linnekogel hatte doch recht gehabt; mein Barograph war eingefroren, der Linnekogels, der besser und wärmer eingepackt war, hatte richtig durchgehalten.

Die Tage vergingen, und für mich kam die Zeit, wo ich die Heimat verlassen mußte.

Meine für Tsingtau neu gebaute Taube näherte sich ihrer Vollendung, und mit einem ganz seltsamen Gefühl flog ich mein zukünftiges Flugzeug ein, nachdem es die Abnahmebedingungen bestanden hatte. Mich dünkte es damals das schönste Flugzeug der Welt!