Er legte sich in die Kissen zurück, und sie blätterte noch ein wenig, obgleich sie sich schon für die Geschichte von der kleinen Seejungfrau entschieden hatte, und fing endlich an:

»Weit hinaus im Meere ist das Wasser so blau wie die Blätter der prächtigen Kornblume und so klar wie das reinste Glas, aber es ist außerordentlich tief, tiefer als irgend ein Ankertau reicht. Viele Kirchtürme müßten übereinander gestellt werden, um vom Grunde bis über das Wasser hervor zu reichen. Dort wohnt das Meervolk.«

Ihre Stimme war wie das Klingen kleiner Wellen, wie ihr leises Rauschen und Plätschern am Strande. Und ihr eigenes Bild verfloß ihm mit dem der jüngsten Meertochter.

»Sie war doch die Schönste von allen, ihre Haut war so durchsichtig und zart wie ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie das tiefste Meer, aber wie alle die anderen hatte sie keine Füße, der Körper ging in einen Fischschwanz aus.«

Und Blanche saß so vor seinem Bett, daß er ihre Füße nicht sah, und er lächelte ganz heimlich bei dem Gedanken und schloß die Augen.

Sobald sie ihre fünfzehn Jahre erreicht hatte, sollte die kleine Meerprinzessin Erlaubnis haben, aus dem Meere empor zu tauchen, im Mondschein auf der Klippe zu sitzen und die großen Schiffe sich anzusehen, die vorbei segeln.

Blanche war nun vierzehn. Ein Jahr noch, so dachten sie beide, obgleich Blanche doch keine Meerjungfrau war, die sich sehnte, empor zu tauchen und auf Klippen zu sitzen. Aber je weiter sie lasen, je mehr nahm Blanche die Gestalt der jüngsten Prinzessin an, sowohl für Lux, wie für sich selbst.

So knüpfte das Buch ein neues Band zwischen ihnen. Lux hatte nicht geglaubt, daß er noch soviel Geschmack an Märchen fände. Und gerade diese kannte er ja alle schon. Aber wie neu klangen sie aus dem Munde der kleinen Blanche, die mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen auch das Nebensächlichste mit so großer Wichtigkeit und herzlicher Betonung las. Sie hatte einen lieblichen, singenden Klang in der Stimme und las so sicher und fließend und versprach sich nicht ein einziges Mal. Doch! Als sie las, wie die Störche nach Afrika zogen, da versprach sie sich sogar zweimal hintereinander. Das machte, sie dachte dabei an Manuel und an dessen Heimat, an die Brandung in dem Hafen von Tanger und an die braune Nushat. Und dabei versprach sie sich, und Lux mußte lachen.

Aber Manuels Name wurde nie wieder zwischen ihnen genannt.

Schade, daß die Ferien zu Ende gingen. Blanche würde nun nicht jeden Tag kommen können. Die Schule nahm viele Stunden des Tages in Anspruch, die Schule und die Hausarbeiten. Aber Lux würde ja auch bald ganz gesund sein, und dann würden sie wieder zusammen im Garten spielen.