»Schweig, Alte,« versetzte Gundomar grimmig, »führe mich zu deiner Herrin.«
Gertrud wies auf die kleine Kapelle. »Traust du dich den Ort zu betreten, wo die Sünden vergeben werden, so wirst du sie finden.«
Schwerfällig stieg der Held ab und trat in das Heiligtum. An einer Ecke des Altars saß Edith auf den Stufen, sie wies auf die andere Seite. »Dort sitze nieder, Gundomar, denn die Nähe der Heiligen tut uns beiden not, wenn wir miteinander reden.«
Gundomar warf sich auf die Stufen des Altars, und es war ein langes Schweigen im Raume. Als er sich aufrichtete, warf er scheue Blicke nach Edith und sprach abgewandt: »Eine Lüge ist es, daß die Zeit das Herz des Menschen wandelt. Die Wunde brennt heute, wo ich dich wiedersehe, wie vor fünfundzwanzig Jahren. Die Krallen des Hasses und der Eifersucht fühle ich, wie damals, wo ich dich verlor; und was die Priester als schwere Sünde strafen, das hege ich unablässig in meinem Innern, den heißen Wunsch, der mich zu dir treibt.«
Edith wandte ihm ihr Antlitz zu: »Du siehst eine Mutter, die ihre Söhne großgezogen hat und im Witwenschleier des toten Gemahls gedenkt.«
»Blicke mich nicht an mit deinen Augen, deren lichter Glanz mich einst selig machte. Nicht die Mutter erkenne ich und nicht die Witwe eines anderen, nur das Weib, das ich selbst begehrt habe.«
Edith schob ihr Gewand zusammen und wandte sich ab.
Aber Gundomar fuhr fort: »Wie im Traum habe ich dahingelebt alle diese Jahre, nur meine Sehnsucht nach der einen und mein Haß gegen einen anderen haben wahrhaft in mir gebrannt; alles übrige war mir wie ein Spiel der Gaukler. Oft habe ich gebüßt und die Geißel über meinem Rücken geschwungen, aber fruchtlos war das Fasten und vergeblich die Schläge, denn die bösen Feinde versuchten mich immer wieder. Noch hier merke ich sie,« raunte er scheu um sich blickend. »Vieles habe ich auf Erden erlebt, sündige Liebe und sündigen Haß, ich sah, wie man eine Krone gewinnt und was die Herrlichkeit der Welt wert ist. Unterdes, wenn die warme Himmelssonne mich bescheint, fühle ich den Eisfrost in meinen Gliedern, verleidet ist mir diese Erde und ich schmecke die Galle aus dem Honig. Mich jammert, daß die Menschen so begehrlich sind nach Goldschmuck und Kampfspiel und nach nichtiger Ehre. Das sage ich dir, da ich dich wiedersehe gegen deinen Willen, damit du mich nicht hassest, wenn du an mich denkst. Denn nur an deiner Meinung ist mir gelegen, um die andern sorge ich wenig. Ich ringe und suche, was mir die Kraft gibt, zu überwinden, damit mir das ewige Erbarmen nicht fehle.«
Edith wies nach dem Kreuz auf dem Altare: »Meide den König und suche dir einen anderen Herrn.«