Der König setzte sich auf den Richterstuhl und ergriff den weißen Stab, an welchem das goldene Königszeichen einer Lilie ähnlich glänzte. Erzbischof Willigis trat mit den Bischöfen und Edlen, welche der König zu Ratgebern gewählt hatte, vor den Stuhl und begann: »Da des Königs Würde selbst den Spruch tun will gegen den edlen Thüring Immo wegen Raubes einer Jungfrau und wegen Friedensbruch, so ist uns das Vorrecht geworden, im Rat zu sitzen über die Tat und die Rache. Denn so ist es Brauch, wenn der Spruch des Königs gegen das Leben eines Edlen geht. Was wir befunden haben, verkündet jetzt mein Mund dem Könige, wenn seine Hoheit es vernehmen will.« Der König winkte und der Erzbischof fuhr fort: »Gegen die ruchbare Tat des Helden Immo und seiner Brüder hat Graf Gerhard Klage erhoben wegen des nächtlichen Raubes seiner Tochter Hildegard aus dem Dach der Herberge, und daneben mein Vogt zu Erfurt wegen Friedensbruches und schwerer Verwundung seiner Reisigen. Darum möge die Gerechtigkeit des Königs erwägen, ob die schwere Tat verübt wurde gegen die Jungfrau selbst, gegen den Vater und gegen den Frieden der Stadt. Bekunden ehrliche Zeugen, daß der Mann Immo ein Räuber der Magd war, so büße er mit seinem Haupt und Leben. Hat er nur durch gezücktes Schwert den Frieden der Straße geschädigt, so möge der König ihn strafen, nicht an seinem Leben, aber an seinen Gliedern, an seiner Freiheit, an Gut und Habe, wie es dem König gefällt. Seine Gesellen aber, weil sie als jüngere Brüder die Treue des Geschlechtes erwiesen haben, möge der König strafen oder verschonen.«

Der König antwortete: »Ich rühme den Rat, den ihr Bischöfe und Herren gefunden, als gerecht und billig.« Aber hart war der Ausdruck seines Angesichts, als er auf die Gefangenen hinsah.

»Sind hier alle Söhne des toten Irmfried versammelt? Von sieben Nestlingen hörte ich singen und sagen.«

Gundomar trat heran. »Einer ist zurück, der jüngste Sohn Gottfried; schuldlos ist er, Herr, und hat keinen Teil an diesem Frevel seiner Brüder.«

»Ist er schuldlos, warum wird er dem Auge des Königs entzogen?« frug Heinrich, »brachtest du ihn von der Burg, so führe ihn her.«

Gundomar eilte aus dem Ring und Gottfried trat in die Schranken. Er trug das Panzerhemd, das ihm die Brüder geschenkt hatten, um das runde Gesicht ringelten sich die goldenen Locken. In holder Scham stand er da; auf eine leise Mahnung seines Begleiters trat er näher, kniete vor dem König nieder und senkte sein Haupt.

Der König sah überrascht auf den Knaben. Im Kreise der Herren erhob sich ein beifälliges Gemurmel und aus dem gedrängten Volke klangen Heilrufe der Männer und Segenswünsche der Frauen. Der König erkannte, daß die Edlen und das Volk ihn rühmen würden, wenn er dem Unschuldigen seine Gnade erwiese. Und da ihm der Knabe gefiel, so gedachte er bei sich, das Geschlecht nicht ganz zu vernichten, sondern diesen zu bewahren und er sprach gütig zu ihm: »Steh auf und sieh mir ins Gesicht.«

Gottfried starrte aus seinen großen Augen so erstaunt den König an, daß dieser lächelte. »Tritt näher,« gebot er, faßte den Knaben bei der Hand und strich ihm über die Wange. »In jungen Jahren trägst du das Eisenhemd, wer hat dich so früh mit dem Schwert gewappnet, du Singvogel? Noch ziemt dir nicht der wilde Flug. Danke den Heiligen, daß jene dich bei ihrem nächtlichen Ritt zurückließen.«

»Gern wäre ich mitgeritten,« antwortete Gottfried arglos, »und mich reut gar sehr, daß ich's verschlafen habe.«